Wenn ein Unternehmen sich selbst überholt
Organisationsentwicklung und Führungsbegleitung in einer Organisation im Umbruch. Beratungs-Case eines technischen Dienstleistungsunternehmens im Rahmen der Neuwaldegger Führungsberatung und -entwicklung
Ausgangssituation
Ein mittelständisches Unternehmen der IT-Systemintegration hat in sechs Jahren Außergewöhnliches geleistet: Der Umsatz ist von 35 auf 160 Millionen Euro gewachsen. Angetrieben weniger durch aggressive Expansion als durch einen Markt, der die Projekte förmlich aus der Hand riss – Digitalisierungsdruck, Förderprogramme, Nachholbedarf auf breiter Front.
Was dabei auf der Strecke blieb: die Organisation dahinter.
Strukturen, Prozesse, Führungskultur – alles noch auf dem Stand von 35 Millionen. Das Ergebnis: Es quietscht an allen Ecken und Enden. Beim größten Projekt in der Unternehmensgeschichte – es macht die Hälfte des Gesamtumsatzes aus – liegen Millionen an nicht gestellten Rechnungen auf dem Tisch. Ein unfreiwilliger Kredit an den Auftraggeber, weil die internen Prozesse schlicht nicht mehr mithalten.
Der kritische Punkt: Innerhalb von wenigen Monaten haben vier Geschäftsleitungen nacheinander das Handtuch geworfen. Jede mit ihrer eigenen Geschichte, jede mit ihrer eigenen Wahrheit. Und alle vier hinterlassen ein Managementteam, das nicht mehr weiß, wem es vertrauen kann – und eine CEO, die zunehmend operativ eingreift, weil sie das Gefühl hat, alles hängt an ihr.
Anfrage an uns
Die Organisation hatte zwei Beratungsunternehmen zur Auswahl. Beide erfahren, beide geeignet. Den Ausschlag gab ein einziger Moment: Unsere Beraterin hat im Erstgespräch erzählt, wo sie an Grenzen kommt, was ihr nicht gelingt.
Das ist in einem solchen Kontext unüblich, es macht eigentlich niemand.
Später haben wir erfahren, was hinter der Entscheidung für uns stand: „Sie hat sich verletzlich gezeigt. Das hat uns überzeugt.“
Eine Organisation, die selbst kaum Raum für Verletzlichkeit kennt, wählt jemanden, der genau das tut. Darin liegt eine Sehnsucht – auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen hat.
Der formale Auftrag lautete: Unterstützung bei der Organisationsentwicklung, Stärkung der Führungskultur und der Zusammenarbeit im Managementteam. Und: Helft uns, dass Geschäftsleiter bleiben können.
Grundhypothese, mit der wir vorgegangen sind
Wir sind davon ausgegangen, dass es hier kein Kompetenzproblem gibt und dass einzelne Personen auch nichts grundsätzlich Falsches tun. Unsere Lesart war eine andere: Diese Organisation ist in ihren Mustern gefangen – und die Muster schützen sie vor etwas, das sie noch nicht benennen kann.
Das rasante Wachstum hat keine Zeit gelassen innezuhalten. Die Fragen, die dabei verloren gingen: Wie wollen wir eigentlich zusammenarbeiten? Wer entscheidet was? Wie gehen wir miteinander um, wenn es schwierig wird? Stattdessen wurde reagiert, gepuffert, bilateral gelöst – und das Vertrauen dabei still und leise aufgebraucht.
Die vier Abgänge sind kein Zufall. Sie sind Symptom eines Systemmusters, das sich wiederholt – solange, bis es gemeinsam gesehen werden kann.
Unsere Hypothese: Wenn es gelingt, das Muster gemeinsam zu sehen, ohne Schuldige zu suchen, wird Entwicklung möglich. Dann können Menschen anders miteinander umgehen – auch wenn die Personen noch dieselben sind.
Logik unserer Begleitung
Wir haben den Prozess in drei Phasen gegliedert – wobei „Phasen“ hier eher Orientierung bedeutet als feste Abfolge. Unsere Organisationsentwicklung folgt keinem Projektplan.
Phase 1 – Boden legen
Bevor irgendjemand über Strukturen oder Prozesse sprechen kann, braucht es Vertrauen. Damit meinen wir keine abstrakte Haltung, sondern eine gelebte Erfahrung im Raum. Der erste Workshop drehte sich deshalb um das, was jede und jeder im Rucksack trägt. Um den Lebensweg der Organisation. Um die Frage: Wie sind wir eigentlich hierhergekommen?
Parallel dazu – in den Pausengesprächen, in den leisen Hinweisen am Rande – haben wir gesammelt, was noch im Raum war, aber nicht gesagt werden durfte.
Phase 2 – Das Muster sichtbar machen
Der Schlüssel unserer Arbeit liegt auf der Musterebene. Wir arbeiten uns durch Inhaltsfragen – wer bei welchem Meeting was gesagt hat, welche Entscheidung wie gefallen ist – hindurch auf das, was sich wiederholt. Auf das, was alle tun. Und was es erzeugt. In unserem Beispiel war ein Muster, dass viel übereinander und gar nicht miteinander geredet wurde. Klingt banal – ist aber Gift für ein Management Team, wenn das die Kommunikationskultur prägt. Eine zweite Form von Gift war das Muster des Einzelkämpfers. Sobald es sozial schwieriger wurde, haben sich Mitglieder des Managements zurückgezogen und versucht über Strukturveränderungen im Alleingang zu erreichen, dass sich im Unternehmen etwas verändert. Doch Papier ist geduldig und da sie kein Buy-in der nächsten Ebene hatten, blieben sie chancenlos und haben bald das Handtuch geworfen.
Phase 3 – Die Vergangenheit abschließen
Die vier Abgänge stehen wie Schatten im Raum. Alle haben eine andere Geschichte dazu. Solange diese Geschichten nebeneinanderstehen, ohne je gemeinsam angeschaut zu werden, blockieren sie die Gegenwart. Diese Phase hatte das Ziel, eine gemeinsame Wirklichkeit zu konstruieren – eine, mit der alle arbeiten können, auch wenn sie nicht die „objektive Wahrheit“ ist.
Aus unserer Sicht gab es Schlüsselmomente in diesem Prozess, die wir herausgearbeitet haben.
Moment 1: Der erste Crack
Noch vor dem ersten Workshop, im Erstgespräch. Eine Organisation, die nach außen Stärke vermittelt, entscheidet sich für eine Beraterin, die Verletzlichkeit zeigt. Das ist kein Zufall. Das ist eine Information über das, was diese Organisation braucht – und noch nicht hat.
Wir haben das als Signal genommen: Hier ist eine Sehnsucht. Die Arbeit kann beginnen.
Moment 2: Die E-Mail-Bombe
Nach dem ersten Workshop – in dem gemeinsamer Boden und Vertrauen entstanden waren – schickt die CEO eine lange E-Mail voller Gerüchte und Vorwürfe – das gesamte Managementteam in CC.
Die Reaktion im Team ist sofort: „Wir können uns den ganzen Prozess sparen.“ – „Uns vertraut hier niemand.“ – „Was machen wir hier eigentlich?“ Der mühsam gelegte Boden war weg. Der Graben schien tiefer als zuvor.
Beim nächsten Workshop haben wir die E-Mail in die Mitte gelegt. Den Impuls, sie zu verurteilen oder Schuldige zu finden, haben wir beiseitegestellt. Stattdessen haben wir gemeinsam betrachtet, was sie ausgelöst hat und warum sie wie eine Druckwelle gewirkt hat. Was bei jedem Einzelnen beim Lesen passiert war und was die CEO dazu gebracht hatte, sie so zu schreiben.
Was dann geschah, war der eigentliche Wendepunkt des gesamten Prozesses.
Alle haben offen erzählt, wie es ihnen damit gegangen ist. Wie sehr sie das getroffen hat. Die CEO hat zugehört, ohne sich zu rechtfertigen. Sie hat verstanden, dass sie das Gegenteil von dem bewirkt hat, was sie erreichen wollte und wie emotional ihre Kommunikation wirken kann. Zum ersten Mal hat dieses Team gemeinsam auf ein wirklich schwieriges Thema geschaut, ohne Eskalation, Drohungen oder Rückzug. Das war neu.
Moment 3: Die Abgänge gemeinsam aufarbeiten
Wir haben Gespräche mit den vier gegangenen Geschäftsleitungen geführt. Jede hatte eine völlig überzeugende, in sich stimmige Geschichte. Keine davon stimmte mit den anderen überein.
Wir haben die Wirklichkeiten nebeneinandergelegt und Muster herausgearbeitet. Was hat die Organisation dazu beigetragen? Was hat die Person selbst dazu beigetragen?
Das Ergebnis war klar – und teilweise hart.
Die Organisation hat es den Geschäftsleitungen strukturell unmöglich gemacht, erfolgreich zu sein. Und die Geschäftsleitungen haben auf Muster reagiert, die den Konflikt eskaliert haben – ohne es zu merken. In einem Fall war da etwas wie gekränkte Expertise: Jemand, der 25 Jahre lang weiß, wie das Geschäft läuft, und dem nun jemand von außen erklärt, wie es eigentlich zu laufen hat. Die Reaktion darauf war Rückzug hinter einen dicken Panzer – und das hat die Zusammenarbeit am Ende unmöglich gemacht.
Als wir diese Analyse im Workshop vorgestellt haben: Kopfnicken. Alle konnten den eigenen Anteil hören – auch vor den anderen. Inhaltliche Fakten wurden dabei kaum diskutiert. Und überraschenderweise war danach die Luft rein.
Woran Wirkung sichtbar wurde
- Das Managementteam hat zum ersten Mal offen über einen eskalierenden Moment gesprochen – ohne dass es eskaliert ist.
- Die CEO hat erkannt, wie sie durch ihr Eingreifen das Gegenteil von dem bewirkt, was sie will – und hat das laut ausgesprochen.
- Die Abgänge, die wie offene Wunden im System hingen, wurden gemeinsam beschaut und konnten abgeschlossen werden. Das geschah durch gemeinsames Verstehen auf der Musterebene – inhaltliche Faktenklärung war dafür gar nicht nötig.
- Das Team entwickelte ein erstes Gefühl von Zutrauen: Wir können mit wirklich schwierigen Themen umgehen – gemeinsam, in diesem Raum.
- Bilaterales Puffern – gut gemeint, aber entwicklungshemmend – wurde sichtbar und benannt. Die Menschen, die das getan haben, konnten erkennen, wie sie durch ihre Art zu helfen das System in seinen Mustern gehalten haben.
- Die Bereitschaft aller, im Prozess zu bleiben, auch wenn es unangenehm wurde: Das war nicht selbstverständlich. Und es hat alles möglich gemacht.
Wo wir jetzt stehen
Wir sind mittendrin. Das Managementteam arbeitet mit uns an konkreten Strukturfragen – Organisationsgrößen, Steuerungslogiken, Kommunikations- und Entscheidungswege, Führungsentwicklung, damit die Organisation gesund dorthin wachsen kann, wo sie im Umsatz schon jetzt steht. Im Moment sind wir damit schnell unterwegs, weil der soziale Boden dafür gelegt wurde. Es herrscht Vertrauen ineinander und die Konfliktfähigkeit ist da, um Schwieriges unmittelbar anzusprechen. Die großen Unterschiede untereinander wirken nicht mehr trennend, sondern bereichernd.
Learnings aus dem Projekt
- Wachstum ohne Entwicklung erzeugt Druck, der irgendwo rauskommt. Meistens als Erosion von innen – als aufgebrauchtes Vertrauen, das fehlt, wenn man es braucht. Von außen bleibt das lange unsichtbar.
- Der Moment, in dem der Prozess zu scheitern droht, ist oft das wichtigste Material. Die E-Mail war keine Störung des Prozesses. Sie war der Prozess. Wer sie wegdiskutiert hätte, hätte die entscheidende Chance verpasst.
- Auf der Musterebene zu arbeiten ist wirksamer als Inhaltsarbeit. Kein einziger inhaltlicher Fakt über die Abgänge musste geklärt werden. Was geholfen hat: das Muster zu sehen, das sich in allen Fällen wiederholt hat.
- Verletzlichkeit ist kein Soft Skill. Sie ist ein Systemmerkmal. Eine Organisation, die keine Verletzlichkeit zulässt, wiederholt ihre Muster endlos. Der Moment, in dem jemand sagt „das hat mich wirklich getroffen“ – ohne Beschuldigung, ohne Rückzug – ist der Moment, in dem Entwicklung beginnt.
- Gut gemeintes bilaterales Puffern schützt kurzfristig und schadet langfristig. Wer zwischen Fronten vermittelt, verhindert, dass das System lernt, sich selbst zu regulieren. Das ist eine systemische Falle, in die hilfsbereite Menschen besonders leicht tappen.
- Eine gemeinsame Wirklichkeit ermöglicht gemeinsames Handeln – auch wenn sie keine objektive Wahrheit ist. Es geht darum, eine Geschichte zu entwickeln, mit der alle arbeiten können. Wer dabei nach dem letzten Wort über das sucht, was wirklich passiert ist, sucht an der falschen Stelle.
Dieser Case steht für eine Arbeitsweise, die wir in vielen Projekten wiederkennen: Den Raum schaffen, in dem eine Organisation wieder auf ihre eigene Lösungsfähigkeit zugreifen kann.