Was uns erfolgreich gemacht hat, hält uns jetzt zurück
Wenn die gewachsene Kultur zur größten Herausforderung in der Transformation wird. Ein Einblick in die Neuwaldegger Führungsentwicklung
Beratungs-Case eines Industrieunternehmen mitten in der Reorganisation
Ausgangssituation: ein Standort, der funktioniert
Es geht um ein Industrieunternehmen. Eine mittelgroße Tochtergesellschaft in Deutschland, Teil eines globalen Konzerns mit Headquarter in der Schweiz. Der deutsche Standort ist seit Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreich.
Die Kultur hier ist stark beziehungsorientiert. Man kennt sich, vertraut sich, löst Dinge über persönliche Netzwerke. Konflikte werden selten direkt angesprochen – zu groß ist die Sorge, eine wichtige Beziehung zu gefährden. Dafür funktioniert die informelle Zusammenarbeit reibungslos, die Fluktuation ist gering, die Mitarbeitenden identifizieren sich stark mit dem Standort – nicht mit dem Konzern.
Die Schweizer Zentrale ist weit weg – “Und das ist gut so”. Über Jahre hat die lokale Führung diese Distanz aktiv kultiviert. Der Außenfeind half, die eigenen Leute zusammenzuschweißen. Man war stolz darauf, das gallische Dorf zu sein: eigenständig, erfolgreich, unabhängig.
Diese Kultur war funktional, sie hatte den Standort erfolgreich gemacht. Bis die Welt sich veränderte.
Und dann: Restrukturierung, Verlagerung der Produktion, Stellenabbau
Die Nachrichten aus der Zentrale kamen häppchenweise. Jede einzelne traf wie ein Kanonenschuss: Restrukturierung. Verlagerung der Produktion in Best-Cost Countries. Stellenabbau um 40 Prozent. Und das Einschneidendste: Die Abschaffung der Standortstrukturen. Künftig würde es keine deutsche Einheit mehr geben – nur noch eine Globalorganisation, in der der Standort keine Rolle mehr spielt.
Begleitet wurde das von einem neuen Gesicht: eine Managerin, die mit einer Sprache und einem Führungsstil ins Unternehmen einzog, den man hier schlicht nicht kannte. Direkt. Hart. Konfrontativ. Keine Rücksicht auf gewachsene Beziehungen.
Das deutsche Führungsteam versuchte, mit den alten Mitteln zu reagieren. Netzwerke aktivieren, Einfluss spielen lassen, die Autonomie irgendwie sichern. Doch diesmal griff nichts davon.
Was folgte, war paradox: Ein Führungsteam, das jahrelang auf Verbindung und Beziehung gebaut hatte, verlor in der Krise seine gemeinsame Handlungsfähigkeit. Jede Führungskraft kämpfte für sich. Informationen wurden gehortet statt geteilt. Individuelle Verbindungen nach oben wurden aufgebaut, um die eigenen Felle ins Trockene zu bringen. Gemeinsames Sensemaking – was passiert hier eigentlich gerade? – fand nicht statt.
Alle erlebten das Gleiche, aber niemand sprach darüber, weil das Führungsteam nie gelernt hatte, Unangenehmes gemeinsam anzusprechen.
Die eigentliche Diagnose
Als die Konturen der neuen Globalorganisation sichtbar wurden, zeigte sich das Kernproblem in aller Schärfe.
Die neue Struktur verlangte etwas, das die Kultur nie geübt hatte: länderübergreifende Zusammenarbeit in einer Matrixorganisation. Wo früher ein Teammeeting bedeutete, dass sechs Kollegen aus dem gleichen Stockwerk zusammensaßen, sollte künftig ein Team aus Deutschland, Frankreich, Spanien, China, Südafrika und Polen gemeinsam Verantwortung tragen.
Das Problem: Auf beiden Seiten – der deutschen wie der globalen – hatte sich über Jahre ein tiefer Proximity Bias festgesetzt. „Wir können nur unseren Standortkollegen vertrauen. Wir arbeiten besser als die anderen. Wir sind der profitable Standort – trotzdem entscheiden jetzt andere über unsere Zukunft.“ Auf globaler Ebene spiegelte sich das: Der deutsche Standort galt als stur, zu langsam, nicht global denkend.
Diese Zuschreibungen waren das Produkt von Jahrzehnten getrennter Erfahrungen, getrennter Erfolge, getrennter Identitäten – und in manchen Fällen aktiv verstärkter Narrative. Jetzt standen sie der Transformation fundamental im Weg.
„Wenn wir mit dieser Haltung in die neue Struktur gehen, können wir es knicken.“
Das war die Erkenntnis, die schließlich im Raum stand, als wir mit den deutschen Führungskräften gearbeitet haben. Sie war unbequem, denn sie bedeutete: Das Problem liegt nicht in der Struktur. Das Problem liegt in uns.
Was wir zuerst getan haben
Unsere Rolle in diesem Prozess war von Anfang an eine ungewöhnliche. Wir wurden nicht für die Reorganisation engagiert. Wir kannten die nächsten Schritte oft selbst nicht. Unsere Aufgabe war, das Führungsteam in einer emotional fordernden Zeit zu begleiten. Einen Raum zu schaffen, in dem das Unaussprechliche ansprechbar wurde.
Den Raum schaffen und halten
Der erste Schritt war die Entscheidung, Zeit zu investieren, die nicht dem operativen Tagesgeschäft gewidmet ist. Regelmäßige Formate, in denen nicht über Zahlen gesprochen wird, sondern über Haltung, Unsicherheit und Sinn. In dieser Runde mit dem erweiterten deutschen Führungsteam – die Teilnehmenden nannten sie ihre „Selbsthilfegruppe“ – entstand etwas, das selten passiert: ein gemeinsames Benennen dessen, was alle längst spürten, aber keiner ausgesprochen hatte.
Dieser Raum muss gehalten werden – auch und gerade dann, wenn rundherum noch Chaos herrscht.
Biases sichtbar machen – ohne zu verteufeln
Zuschreibungen und Überzeugungen brauchen keinen Angriff, sondern Neugier und so haben wir in den gemeinsamen Workshops systematisch Perspektiven gewechselt: Was hat „die anderen“ aus ihrer eigenen Logik heraus angetrieben? Was war an der eigenen Kultur funktional – und was hat sie ermöglicht? Erst wenn eine Gruppe versteht, warum bestimmte Muster entstanden sind, kann sie sie auch loslassen.
Der Wendepunkt: Ich bin der Change
Was aus diesem Raum entstanden ist, hätten wir nicht planen können. Die entscheidende Frage war nicht: Was müssen die anderen verändern? Die entscheidende Frage war: Was muss ich verändern? Der Satz, der schließlich in dieser Gruppe entstanden ist, war einfach: „Ich bin der Change.“
Nicht: Es muss einen Change geben. Nicht: Die Zentrale muss sich ändern. Nicht: Wenn die Schweizer endlich verstehen.
Ich bin der Change.
Das deutsche Führungsteam entschied sich, aktiv auf die globale Ebene zuzugehen. Mit einer Botschaft als Einladung: „Wir haben erkannt, was uns blockiert. Wir glauben, ihr habt eine sehr ähnliche Version davon – nur andersrum. Und damit das hier eine Chance hat, müssen wir das gemeinsam angehen.“
Miteinander reden statt übereinander reden. Diese Erkenntnis war der Anfang. Aber Haltung allein reicht nicht – sie braucht Erfahrungen, die sie verankern.
Cross-Location Shadowing
Das wirkungsvollste Instrument dieses Prozesses war eine Idee der Gruppe selbst.
Führungskräfte verschiedener Länder luden sich gegenseitig ein: ein bis drei Tage mitgehen, eintauchen, beobachten. Wie arbeitet der andere wirklich? Was ist sein Alltag? Was treibt ihn an? Die Besuche machten sichtbar, was in virtuellen Meetings unsichtbar bleibt: lokale Zwänge, unterschiedliche Marktbedingungen, kulturelle Prägungen und persönliche Motive. Aus abstrakten Zuschreibungen wurden konkrete Menschen.
Das Ergebnis überraschte alle Beteiligten: Biases, die jahrelang als unverrückbar galten, lösten sich schneller auf als erwartet. Humor und Verbindung entstanden. Und damit eine Arbeitsfähigkeit, die vorher nicht möglich gewesen war.
Kleine Commitments, hohe Frequenz.
Statt auf große Versprechen oder Transformationsprogramme zu setzen, konzentrierte sich die Gruppe auf kleine, konkrete Commitments. Und eine regelmäßige Frequenz, in der drauf geschaut wird: Wie läuft die Zusammenarbeit? Wo reiben wir uns noch? Was hat funktioniert?
Dieser Rhythmus schuf Boden, auch während die Restrukturierung parallel weiterlief.
Das Sowohl-als-auch
Parallel zu diesem Prozess lief die Restrukturierung weiter. Ungefiltert. Hart. Nach ihrer eigenen Logik.
Der CTO der Globalorganisation, der den Prozess auf globaler Ebene verantwortete und früh erkannt hatte, dass Strukturveränderung allein nicht reichen würde – traf eine ungewöhnliche Entscheidung: Er wollte nicht, dass Kulturarbeit und Restrukturierung miteinander verwoben werden.
„Lasst die Restrukturierer ihre Arbeit machen. Ihr arbeitet separat.“, sagte er zu uns.
Was zunächst wie eine Einschränkung klang, war in Wirklichkeit eine Befreiung – für alle Beteiligten. Die Restrukturierung konnte ihrer eigenen Logik folgen. Die Kulturarbeit konnte in einem geschützten Raum wachsen. Und wenn der Wald einmal gerodet war, standen schon die ersten Pflänzchen bereit.
Das setzt etwas voraus, das nur wenige Organisationen haben: die Fähigkeit, im Sowohl-als-auch zu denken. Nicht im Entweder-oder.
Harte Restrukturierung oder menschliche Transformation? Das ist eine Frage, die einengt. Die hilfreichere Frage lautet: Wie gelingt beides – jedes in seiner eigenen Logik, in seiner eigenen Zeit, mit den jeweils passenden Begleitern?
Wer im Organigramm Kästchen verschiebt, ohne die Haltung zu verändern, wird scheitern. Und wer die Haltung verändern will, bevor die Strukturen klar sind, verliert sich im Ungefähren.
Identität loslassen, um Zukunft zu gewinnen
Die tiefste Arbeit in diesem Prozess hatte wenig mit Instrumenten zu tun. Sie hatte mit einer Frage zu tun, die sich jede Führungskraft stellen musste: Bin ich bereit, loszulassen, was mich erfolgreich gemacht hat? Nicht weil es falsch war, sondern weil es jetzt nicht mehr funktional ist.
Die Identität am Standort. Die Überzeugung, die beste Einheit im Konzern zu sein. Die gewohnten Spielregeln. Die alten Beziehungen als primäre Steuerungslogik. All das hatte einmal Sinn ergeben und stand jetzt einer Zukunft im Weg, die eine andere Art von Zusammenarbeit forderte.
Der Satz, den ein Teilnehmer am Ende eines der Workshops sagte und der lange im Raum nachklang, beschreibt diesen Moment vielleicht am besten:
„Damit das funktioniert, müssen wir unsere Identität aufgeben. Etwas muss sterben. Und dazu bin ich jetzt bereit.“
Das ist eine große innere Entscheidung, die nicht für alle gleichzeitig möglich ist. Aber sie ist der Anfang echter Transformation.
Drei Fragen für Ihr Führungsteam
Wenn Sie diese Geschichte lesen und sich fragen, was davon für Ihre eigene Organisation gilt – hier sind drei Fragen, die sich lohnen könnten:
- Welche Kultur hat Ihr Unternehmen erfolgreich gemacht?
Und wo limitiert genau diese Kultur heute Ihre Transformation? - Wer in Ihrem Führungsteam kann bereits sagen „Ich bin der Change“?
Nicht als Appell an andere, sondern als persönliche Haltung. - Denken Sie Restrukturierung und Kulturarbeit als Entweder-oder?
Was wäre möglich, wenn beides gleichzeitig – aber bewusst getrennt – stattfinden dürfte?
Über die Autor:innen
Franziska Fink und Lorenz Gareis begleiten Top-Management-Teams in komplexen Transformationsprozessen. Dabei schreiben sie laufend über ihre Arbeit – als Schulterblick, der andere teilhaben lässt und zugleich hilft, selbst zu verstehen, was wirkt und wo eigene Biases in die Quere kommen.
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