Kulturentwicklung: Schönwetterthema oder Performancefrage?
Wenn es in Organisationen ernst wird, rücken meist andere Themen in den Vordergrund: Kosten, Effizienz, Performance, operative Exzellenz. Kulturentwicklung wirkt dann schnell wie ein angenehmes Zusatzprogramm – wichtig, aber nicht dringend. Etwas, das man sich leistet, wenn Zeit, Budget und Aufmerksamkeit gerade verfügbar sind. Doch diese Unterscheidung greift zu kurz.
Kultur zeigt ihre Wirksamkeit nicht in ruhigen Zeiten, sondern unter Druck. Dann wird sichtbar, welche Muster eine Organisation tatsächlich steuern: Wie entschieden wird, wenn es schnell gehen muss. Wie Führung agiert, wenn Zielkonflikte entstehen. Wie bereichsübergreifend zusammengearbeitet wird, wenn Ressourcen knapp sind. Und wie offen über Fehler, Risiken oder Unsicherheiten gesprochen werden kann.
Kultur ist damit kein weicher Faktor neben der eigentlichen Arbeit. Sie ist die eingeübte Art und Weise, wie eine Organisation Leistung erzeugt.
Kultur ist, was im Alltag selbstverständlich geworden ist
Unter Kultur verstehen wir nicht Leitbilder, Werteplakate oder formulierte Prinzipien. Kultur zeigt sich dort, wo Menschen nicht mehr lange nachdenken müssen, wie „man es bei uns macht“.
Sie zeigt sich in Entscheidungen, Routinen, Meetings, Konflikten und Prioritäten. Für die Beteiligten ist Kultur meist selbstverständlich. Man bemerkt sie oft erst dann, wenn man das System wechselt: in ein anderes Unternehmen, eine andere Region, ein anderes Führungsteam. Plötzlich wird sichtbar, dass das, was bisher „normal“ war, keineswegs selbstverständlich ist.
Gerade deshalb ist Kultur so wirksam. Sie muss nicht täglich erklärt werden. Sie wirkt im Hintergrund – stabilisierend, beschleunigend, manchmal aber auch begrenzend.
Kultur lässt sich nicht beschließen
Viele Organisationen formulieren heute den Wunsch nach einer neuen Kultur: mehr Innovation, mehr Kundennähe, mehr Unternehmertum, mehr bereichsübergreifende Zusammenarbeit, mehr Lernfähigkeit.
Diese Ziele sind nachvollziehbar. Gleichzeitig entsteht häufig eine Enttäuschung, wenn nach Workshops, Kommunikationskampagnen oder neuen Werteformulierungen im Alltag wenig anders wird.
Der Grund ist einfach: Kultur lässt sich nicht direkt verordnen.
Man kann nicht beschließen, dass eine Organisation ab Montag mutiger, lernfähiger oder crossfunktionaler ist. Kultur entsteht über Wiederholung. Aus dem, was sich bewährt. Aus dem, was belohnt, toleriert oder vermieden wird.
Das heißt aber nicht, dass Kultur unbeeinflussbar wäre. Der Hebel liegt nur woanders.
Das Top-Management kann die Rahmenbedingungen gestalten, in denen neue Muster entstehen können: durch Strukturen, Rollen, Entscheidungswege, Kommunikationsformate, Führungspraktiken und die konsequente Bearbeitung relevanter Spannungsfelder.
Gleichzeitig ist klar: Struktur verändert Kultur nicht über Nacht. Neue Organigramme erzeugen neue formale Möglichkeiten. Sie verändern jedoch nicht automatisch die Denklogiken, Beziehungsmuster und informellen Spielregeln einer Organisation. Kulturentwicklung beginnt dort, wo diese Lücke ernst genommen wird: zwischen formaler Veränderung und gelebter Praxis.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Welche Struktur brauchen wir? Sondern auch: Welche Art der Zusammenarbeit muss in dieser Struktur gelernt, ermöglicht und eingefordert werden?
Kulturentwicklung braucht konkrete Erfahrungsräume
Wenn Kultur über Wiederholung entsteht, dann braucht Kulturentwicklung mehr als Appelle. Sie braucht Räume, in denen gewünschtes Verhalten konkret erlebt, erprobt und reflektiert werden kann.
Wer bereichsübergreifende Zusammenarbeit stärken will, muss nicht nur darüber sprechen. Es braucht Formate, in denen Führungskräfte und Schlüsselpersonen an echten gemeinsamen Fragestellungen arbeiten. Wer mehr Entscheidungsqualität will, muss klären, wo Entscheidungen getroffen werden, wer beteiligt ist und wie mit Zielkonflikten umgegangen wird. Wer mehr Lernfähigkeit will, muss Routinen schaffen, in denen Erfahrungen ausgewertet werden, ohne sofort in Rechtfertigung oder Schuldzuweisung zu kippen.
Solche Räume sind keine Nebenveranstaltungen. Sie sind Orte, an denen Organisation sich selbst beobachtet und neue Möglichkeiten ausprobiert.
Dabei geht es nicht darum, die Organisation in Dauerreflexion zu versetzen. Es geht um eine wirksame Balance: operative Handlungsfähigkeit sichern – und gleichzeitig die Muster bearbeiten, die künftige Leistungsfähigkeit ermöglichen oder verhindern.
Kultur ist die Umsetzungsform von Strategie
Für Top-Managerinnen und Top-Manager wird Kulturentwicklung dann relevant, wenn sie nicht als separates HR- oder Kommunikationsprojekt verstanden wird, sondern als Teil strategischer Wirksamkeit.
Denn jede Strategie trifft auf eine bestehende Kultur. Ob Strategie wirksam wird, entscheidet sich nicht nur in der Qualität des Plans. Es entscheidet sich daran, ob die Organisation die dafür notwendigen Verhaltens- und Entscheidungsmuster ausbildet.
Deshalb ist Kulturentwicklung keine Frage für Schönwetterphasen. Sie ist besonders dann relevant, wenn Organisationen unter Druck stehen, sich ausrichten, schneller lernen oder konsequenter entscheiden müssen.
Die Frage lautet daher nicht: Haben wir gerade Zeit für Kultur? Sondern: Welche Kultur brauchen wir, damit unsere Strategie im Alltag wirksam wird? Und vielleicht noch zugespitzter: Welche unserer heutigen Muster haben uns erfolgreich bis hierhergebracht – und welche davon begrenzen jetzt den nächsten Entwicklungsschritt?
Kulturentwicklung beginnt, wenn Top-Management bereit ist, diese Fragen nicht an die Organisation zu delegieren, sondern sie im eigenen Führungssystem zu bearbeiten. Wenn Sie darüber nachdenken, welche kulturellen Muster Ihre Strategie unterstützen, und welche sie unbemerkt bremsen, freuen wir uns auf Austausch mit Ihnen!
Über die Autorinnen
Anna Jantscher ist Beraterin und Equity Partnerin der Beratergruppe Neuwaldegg. Als Betriebswirtin war sie viele Jahre im Personalmanagement tätig, bevor sie den Weg in die Begleitung und systemische Beratung von Organisationen und Menschen gegangen ist. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die Transformation von Organisationen, Teams und Individuen hin zu Selbstorganisation, Agilität und Purpose Drive gelingen kann. Dabei fasziniert sie vor allem der Blick auf den Menschen im Kontext der Organisation und die Frage wie Beziehung in jeder Hinsicht gut gelingen kann.
Außerdem ist sie Buchautorin von Being in Organizations, Co-Programmgestalterin des Change Campus, Trainerin bei unseren Weiterbildungsformaten Neuwaldegger Curriculum und Remaking Organizations. Zuletzt war sie Co-Autorin von Im Gehen lernen (erschienen in der Zeitschrift OrganisationsEntwicklung, 4.2025, dfv-Mediengruppe)
Astrid Reinprecht ist Beraterin und Partnerin der Beratergruppe Neuwaldegg. Sie verfügt über eine umfangreiche Expertise, die sie aus Wissenschaft, öffentlichem Dienst, aus der Kultur und Non-Profit Organisationen mitgebracht hat. Die Mediatorin und systemische Beraterin begleitet Einzelpersonen, Teams und Organisationen in Kultur- und Veränderungsprozessen. Inspiriert von den empirischen Einsichten der positiven Psychologie hat sie 2019 ein Buch zu Positiver Mediation geschrieben, um zu zeigen, wie das Potenzial positiver Wahrnehmungen von Stärken- und Lösungsfokussierung auch in schwierigen Situationen genutzt werden kann. Aktuell beschäftigt sie sich (auch in der Rolle der Forschungscommunity Builderin) intensiv mit dem Thema KI und ihren organisationalen Auswirkungen, berät Unternehmen bei der Integration von KI aus einer nicht-technischen Perspektive und veranstaltet Freiraum-Formate für KI-Beauftragte in Organisationen.
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