Organisational Regeneration weitergedacht: Ein Orientierungsmodell für tiefgreifende Transformationen
In unserem ersten Blogbeitrag zu Organisational Regeneration haben wir beschrieben, wie sich unser Change-Ansatz „Harte Schnitte – Neues Wachstum“ zur „Organisationalen Regeneration“ weiterentwickelt hat – mit den drei Modi „Defensive“, „Redesign“ und „Renewal“. Kurz zusammengefasst: Organisationale Transformationsprozesse bewegen sich je nach Ausgangslage zwischen akutem Überlebenskampf, grundlegender Neuaufstellung und der Erkundung neuer Möglichkeiten. Manchmal passieren die drei Modi getrennt, manchmal jedoch auch gleichzeitig in unterschiedlichen Bereichen derselben Organisation. In einem internen Workshop hat unser Berater:innen-Team den Ansatz und die dazugehörige Change-Landkarte weiterentwickelt. Herausgekommen ist eine Reihe von Differenzierungen, die wir hier vorstellen möchten: nicht als Fazit, sondern als Einladung, mit uns weiterzudenken.
Update der Neuwaldegger Change-Landkarte
Unsere aktuelle Landkarte (eine Vorversion findet sich hier) unterscheidet verschiedene organisatorische Ausgangslagen und Change-Strategien. Auf radikale Veränderung 2. Ordnung, also Transformation, zielen dabei diese vier Typen oder Modi ab:
4 Modi der Transformation
- “Defensive“:
Das Überleben steht im Vordergrund. Kosten, Effizienz und Stabilisierung haben Priorität. - “Redesign“:
Prozesse, Strukturen oder Arbeitsweisen müssen grundlegend neugestaltet werden. - “Renewal“:
Das Geschäftsmodell oder zentrale Wertschöpfungslogiken werden erneuert. - “Expansion“:
Eine Organisation erschließt neue Chancen, Märkte oder Produkte aus einer Position der Stärke heraus.

Für uns ist klar: Nicht jeder Modus braucht die gleiche Intervention. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist die Passung zwischen Situation, also der wahrgenommenen Veränderungsnotwendigkeit und -dringlichkeit, sowie der Veränderungsfähigkeit und -bereitschaft in der Organisation mit der gewählten Change-Strategie. Warum wir auf diese vier Modi als Spielarten von Wandel 2. Ordnung fokussieren? Natürlich erleben und begleiten wir in unserer Praxis nicht ausschließlich Change-Prozesse, die auf radikalen Wandel abzielen (die oberen vier Modi der Landkarte). Dennoch haben ihre Zahl und Bedeutung in den letzten Jahren massiv zugenommen, wodurch ein Bedarf entstanden ist, die zugehörigen Veränderungskonzepte weiterzuentwickeln.
Der 4. Modus „Expansion“: Verändern aus Stärke
Bei unserer gemeinsamen Analyse wurde rasch deutlich: Die Modi „Renewal“ und das, was wir im vorherigen Artikel „Transformation“ genannt haben, war bisher zu unscharf gefasst. „Renewal“ vermischte zunächst noch zwei unterschiedliche Ausgangslagen.
- Die eine: Eine Organisation spürt, dass sie sich verändern muss, weil absehbar ist, dass ihr bisheriger Erfolg nicht von Dauer sein wird. Hier geht es um Erneuerung im engeren Sinn.
- Die andere: Eine Organisation ist wirtschaftlich stabil, ja erfolgreich, und erschließt neue Potenziale. Sie will sich transformieren, ohne dass ein spezifischer Anlass oder Druck sie dazu zwingt. Für diese Art der Transformation suchten wir einen eigenen Begriff, den der „Expansion“.
Der Unterschied liegt nicht in der Größe der Veränderung, sondern in ihrer Begründung. „Renewal“ entsteht aus einer, vielleicht anfangs leisen, aber wachsenden Sorge, dass es später eng werden könnte. „Expansion“ hingegen entsteht aus einer Chance, die man ergreifen oder liegen lassen kann.
Als Beispiel haben wir im Workshop einen Verpackungshersteller mit mehreren hochprofitablen Geschäftsbereichen diskutiert. Als neue Großkunden Anfragen stellen, die nur bereichsübergreifend bedient werden können, entsteht Veränderungsbedarf. Weniger, weil das Kerngeschäft gefährdet wäre, sondern weil eine zusätzliche Wachstumschance sonst ungenutzt bliebe.
Ähnlich bei KI-Anwendungen, die aus gesammelten Nutzungsdaten heraus neue, eigenständige Geschäftsmodelle entstehen lassen. Auch da gibt es keinen (unmittelbaren, wirtschaftlichen) Zwang, sondern eine Einladung zur Expansion, die man annehmen kann, oder auch nicht. Für die Begleitung von Change gilt dann: Wer in einem „Expansions-Kontext“ mit dem Vokabular der Krise arbeitet, erzeugt unnötigen Druck und Widerstand. Wer umgekehrt eine „Renewal“-Situation als bloßes Erneuerungspotential behandelt, unterschätzt die Notwendigkeit und Dringlichkeit für Veränderung. Die Frage, die wir Führungskräften heute stellen lautet daher: Verändern Sie sich, weil Sie eine Bedrohung antizipieren, oder weil Sie eine Chance nicht liegen lassen wollen? Die Antwort entscheidet dann über Tempo, Kommunikation und Beteiligungslogik, kurzum über die Changestrategie.
Wachsender Veränderungsbedarf trifft auf abnehmende Veränderungsfähigkeit
Ein weiterer Aspekt, der in unserer Diskussion deutlich wurde: die vier Modi der Transformation – „Defensive“, „Redesign“, „Renewal“ und „Expansion“ – lassen sich anhand der wahrgenommenen Veränderungsnotwendigkeit (Radikalität) und -dringlichkeit (die zur Verfügung stehende Zeit) in eine Abfolge bringen. Während der Veränderungsbedarf bei der „Expansion“ (noch) relativ gering erscheint, nimmt er von „Renewal“ zu „Redesign“ und „Defensive“ deutlich zu. Damit wird radikaler Wandel von einer Chance zu einer drängenden Überlebensnotwendigkeit.
Gleichzeitig ist die Fähigkeit der Organisation, dies erfolgreich zu bewerkstelligen, von rechts nach links blickend, zunehmend geringer. Profitieren „Expansion“ und „Renewal“ noch von einer guten Geschäfts- und Ressourcenlage, Fach-, Führungs- und Change-Knowhow, Experimentier- und Lernfreude und organisationalen Spielräumen, werden diese beim „Redesign“ und erst recht im „Defensive“-Modus nur mehr eingeschränkt zur Verfügung stehen. Wie Prozesse und Strukturen gestaltet, Technologie eingesetzt und ein Braindrain verhindert werden soll, ist oft unklar und die Lösungssuche steht unter einem massiven Existenz- und Zeitdruck.
So sind wir zu der fast diagonalen Anordnung der vier Transformationstypen auf der Landkarte gekommen. Dabei ist uns bewusst, dass die Übergänge bzw. Abgrenzungen in der Praxis eher fließend sind. Dennoch macht die Anordnung eine Eskalationsdynamik wachsenden Change-Bedarfs deutlich, die wir bei Unternehmen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder beobachtet haben. Anders gesagt: Unternehmen rutschen von rechts nach links nach oben. Wer Expansionspotentiale nicht proaktiv genutzt hat, kommt im Laufe der Zeit unter Erneuerungsdruck. Das kann sich in wachsender Unzufriedenheit von Stakeholdern oder strategischen Frühwarnsignalen äußert. Unternehmen, die schließlich eine Erneuerung lange aufschieben, geraten im Laufe der Zeit unter strategischen (Wettbewerbsfähigkeit) und schließlich operativen Druck (z.B. Kosten, Speed, Qualität). Dann kann nur mehr ein grundsätzliches „Redesign“ (z.B. strategische Neuausrichtung, neues Operating Model) zukünftigen Erfolg sichern. Wo auch dies verpasst wird oder nicht gelingt, ist dann das Überleben bedroht und eine harte Sanierung möglicherweise unvermeidbar.
Was sich dabei verändert, ist das Mischverhältnis der Change-Dynamiken, mit denen im Transformationsprozess umzugehen ist. Eines ist das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Veränderung. Hat man es bei den rechtsliegenden Typen noch überwiegend mit Wachstums- und Innovationsdynamiken zu tun, die von manchen vielleicht unterschätzt und „auf die lange Bank“ geschoben werden könnten, scheint es, je weiter man nach links geht, oft schon fast zu spät. Während es rechts vor allem um Ideengenerierung, -erprobung und -weiterentwicklung, um Kanalisierung von Lern- und Experimentierfreude geht, gefährden auf der linken Seite Abwärtsdynamiken von harten Schnitten, Abbau und Zukunftsängsten den Change-Erfolg. Im Übrigen beginnen „Schnitte“ nicht erst mit Personalabbau und Restrukturierung. Als harte Schnitte kann auch der Verlust liebgewonnener Arbeitsweisen, Routinen und Selbstverständnisse erlebt werden. KI kann in diese Richtung wirken.
KI als Meta-Treiber, der nicht überall gleich wirksam ist
KI ist in vielen Organisationen heutzutage ein starker Treiber von Transformation. Aber sie ist kein Modus für sich, sondern ein Thema, das in fast jedem Modus auftauchen kann. Entsprechend haben wir der Versuchung widerstanden, KI-Transformation als eigenes Feld auf der Landkarte zu positionieren. Sie ist kein eigenständiger Changetyp oder Modus. KI wirkt auf allen Ebenen der Landkarte.
So kann KI:
- Mitarbeitende mobilisieren und befähigen,
- das Erlernen (und möglicherweise Verlernen) von Kompetenzen erfordern,
- die Umgestaltung von Prozessen vorantreiben,
- strategische Grundsatzfragen (neue Geschäftsmodelle) auslösen,
- völlig neue Produkte und Märkte eröffnen.
Was erleben wir heute anders?
KI ist ein „Metathema“, das unterschiedliche Veränderungsstrategien notwendig macht oder auch unterstützen kann. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Machen wir etwas mit KI?“ sondern: „Welches Problem wollen wir lösen und welche Veränderung ist dafür notwendig? Und welche Rolle kann oder soll KI dabei haben?“
Wir vermuten, dass im „Defensive“-Modus einer Sanierung eine Organisation nur begrenzt intensiv in KI-Initiativen investieren kann. Wenngleich es in Sanierungsfällen schon gelungen ist, Personalkosten mit begrenzten und sich rasch amortisierenden Investments in KI zu reduzieren. In „Redesign“, „Renewal“ und „Expansion“ dagegen kann KI eine größere Rolle spielen: als Effizienzhebel in Prozessen, als Enabler neuer Geschäftsmodelle oder als Katalysator für kulturellen Wandel. Wichtig erscheint uns zwischen KI als freiwilligem Experimentieren – „jede:r probiert mal ein Tool aus“ – und KI als strukturellem Hebel, der Geschäftsmodelle oder Arbeitsweise tatsächlich verändert, zu unterscheiden. Der große Hebel liegt selten im spielerischen Ausprobieren, sondern dort, wo Prozesse und Arbeitsweisen grundlegend und strategische Potenziale systematisch neu gedacht werden. Ein Beispiel: Ein Einrichtungshaus hat Backoffice-Prozesse automatisiert. Die freigewordene Zeit der Mitarbeitenden wurde in persönliche Kundenberatung investiert. Ergebnis war nicht nur ein Effizienzgewinn, sondern Umsatzwachstum. „Redesign“ und Mobilisierung griffen hier ineinander und verstärkten sich gegenseitig – ein Beispiel für die vorhin beschriebene Gleichzeitigkeit der Modi.
Was das für die Beratungs- und Führungspraxis bedeutet
Wir sehen die Landkarte der „Organisational Regeneration“ als ein Werkzeug zur Diagnose und Einordnung von Veränderungsvorhaben und zur Ableitung wirkungsvoller Change-Strategien. Sie hilft bei der Orientierung im realen Gelände. Ihre wesentlichste Funktion ist aber nicht die „objektive“ Einordnung von Organisationen. Vielmehr ist sie ein Werkzeug, um Gespräche über die Zukunft zu initiieren und zu führen. Wenn Führungsteams gemeinsam diskutieren, wo ihre Organisation heute steht, wo sie hin will und welche Annahmen sie über die Zukunft treffen, entsteht dabei ein gemeinsames Zukunftsverständnis. Die Landkarte liefert keine fertigen Antworten. Aber sie bietet Differenzierungs- und Orientierungsmöglichkeiten in einer Zeit, in der Orientierung zunehmend zum Wettbewerbsfaktor wird.
Zwei Aspekte sind dabei in der Diagnose besonders anspruchsvoll
- Der erste betrifft das Timing: Ab wann ist ein Fenster für Veränderung eines bestimmten Transformationstyps tatsächlich geschlossen? Diese Frage lässt sich modellhaft schwer beantworten, ist aber in der Praxis entscheidend. Denn es reicht nicht, wenn einige Player „die Zeichen der Zeit“ zwar erkennen, aber die Organisation zu spät reagiert.
- Der zweite betrifft Fragmentierung als blinden Fleck: Wenn eine Organisation zu sehr in Detailfragen verstrickt ist, verliert sie die Fähigkeit, herauszuzoomen und ihre tatsächliche Position im und als Gesamtsystem zu erkennen. Fragmentierung der Sichtweisen ist womöglich einer der Hauptgründe, warum Organisationen ihre eigene Lage falsch einschätzen. Weniger, weil gesamthaft gesehen Informationen fehlen, sondern weil es an geteilter Beobachung 2. Ordnung, und daher an Erkenntnis fehlt.
Für die Führung in der Umsetzung der Transformation ergibt sich eine weitere Herausforderung, die meist von links nach rechts größer wird. Je geringer und diffuser der Veränderungsbedarf, je langfristiger der Zeithorizont für die Transformation, desto anspruchsvoller ist die Formulierung und Verankerung eines „Case for Change“ in den Herzen und Köpfen der Mitarbeiter:innen und Führungskräfte. Dann braucht es mehr Vermittlungsarbeit und Dialog, da der Bedarf nicht so leicht erkannt oder unterschiedlich gesehen wird. Den Fokus zu halten, wird zu einer besonders anspruchsvollen Aufgabe der Führung.
Auch dieser Artikel zu „Organisational Regeneration“ ist, wie schon der erste, ein Zwischenstand. Die Landkarte der „Organisationalen Regeneration“ wird dort am nützlichsten, wo wir sie immer wieder an der Praxis reiben – an Fällen, die nicht sauber hineinpassen, an Beispielen, die unsere Kategorien infrage stellen. Wir laden Sie ein, das ebenso zu tun:
In welchem Modus befindet sich Ihre Organisation gerade, und aus welchem Motiv heraus?
Wir freuen uns auf Rückmeldungen, Anmerkungen und Widerspruch! Schreiben Sie uns ein E-Mail!
Über die Autor:innen
Astrid Reinprecht und Michael Moeller sind Berater:innen der Beratergruppe Neuwaldegg. Sie begleiten Organisationen in fundamentalen Veränderungsprozessen – mit einem Schwerpunkt auf systemischer Beratung, Begleitung von Managementteams, Führungskräfteentwicklung und organisationalem Wandel.
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