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Ftoo: Puttachat Kumkrong

Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion

Wer Orga­ni­sa­tionen wirkungs­voll trans­for­mieren bzw. solche Chan­ge­pro­zesse nach­haltig begleiten will, braucht neben Gespür und aller­hand sozialer und kommu­ni­ka­tiver Kompe­tenzen auch ein gute, theo­re­tisch-fundierte Land­karte, um eine ziel- und situa­ti­ons­ge­rechte Change-Stra­tegie und Vorge­hens­weise ableiten zu können. Daher stellen wir hier die Frage: Welche Land­karte liefert ein adäquates Abbild der heutigen Chan­ge­be­darfe von Orga­ni­sa­tionen? 

1. Einstieg: Die See ist rauer geworden

Manchmal ist es Zeit, alt Gewohntes auf den Prüf­stand zu stellen und „abzu­stauben“. Zu chal­lengen, ob die Annahmen, mit denen man oft arbeitet, nach wie vor stimmen – oder nicht. Genau das haben wir mit dem Ansatz „Harte Schnitte, Neues Wachstum“ gemacht. Viele Kolleg:innen aus unserer Vergan­gen­heit haben aus ihrer Praxis heraus Erfah­rungen zusam­men­ge­tragen, Barbara Heitger und Alex­ander Doujak haben dies vor vielen Jahren nochmal auf eine neue Ebene gehoben.

Aber weshalb jetzt?
Weil genau dieses Thema uns in unserem Alltag mit Orga­ni­sa­tionen beschäf­tigt. Weil die See in den letzten Jahren rauer geworden ist – und Orga­ni­sa­tionen sich deshalb harte Fragen stellen und darauf Antworten finden müssen. Und die sind oft unge­müt­lich und unbe­quem. Was in der Vergan­gen­heit gut funk­tio­niert hat, muss jetzt anders gemacht werden – und zwar schnell.

Wir erleben massive Kosten­ein­spa­rungen, den Abbau von geliebten Prak­tiken und Produkten, Restruk­tu­rie­rungen, das Aussor­tieren und Loslassen von ganzen Berei­chen – Einschnitte bei gleich­blei­bendem oder sinkendem Ertrag. In einer Geschwin­dig­keit, die heute eine andere ist als noch vor Corona. Ein Kontext, der alle fordert: Top-Manager:innen, Führungs­kräfte, Mitar­bei­tende – und uns Bera­tende.

Wir finden: Ein guter Grund, unseren Ansatz und unsere Vorge­hens­weise auf den Prüf­stand zu stellen.

2. Das Modell „Harte Schnitte – Neues Wachstum“

eine Rückkschau …

Die Grund­idee

Barbara Heitger und Alex­ander Doujak beschrieben in ihrem Konzept, das Teil der Change Land­karte des Neuwald­egger Modells wurde, einen beson­deren Typus von Verän­de­rung: jenen, der über normale Anpas­sung hinaus­geht – die soge­nannte Unba­lanced Trans­for­ma­tion.

Das Modell unter­schied grund­le­gend zwischen evolu­tio­nären Verän­de­rungen – also dem konti­nu­ier­li­chen Verbes­sern und Anpassen – und funda­men­talem Wandel, bei dem Orga­ni­sa­tionen gezwungen sind, Altes radikal loszu­lassen, bevor Neues entstehen kann. „Harte Schnitte“ meinte genau das: Es gibt Momente, in denen Opti­mieren nicht mehr reicht. In denen man nicht einfach justieren, sondern tatsäch­lich abschneiden, aufgeben, loslassen muss – um sich lang­fristig trag­fähig aufzu­stellen und Raum für Neues zu schaffen.

Die Kern­aus­sagen des ursprüng­li­chen Modells

Das Modell basierte auf einigen zentralen Erkennt­nissen, die in ihrer Zeit wegwei­send waren:

  • Verän­de­rung hat Phasen – und diese brau­chen Zeit.
    Der klas­si­sche Ansatz sah eine Phasen­ver­tei­lung vor, die sich über einen Zeit­raum von fünf Jahren erstreckte: Von ersten Signalen über Desta­bi­li­sie­rung, Refle­xion und Neuori­en­tie­rung bis zur Konso­li­die­rung. Die Vertei­lung folgte einem Rhythmus – etwa 10 % – 10 % – 20 % – 25 % – 35 % – der bewusstes, schritt­weises Vorgehen ermög­lichte.
  • Harte Schnitte sind keine Nieder­lage, sondern eine notwen­dige Bedin­gung für Erneue­rung.
    So wie ein Gärtner eine Pflanze radikal zurück­schneidet, damit sie kräf­tiger austreibt, erfor­dern bestimmte Situa­tionen mutig loszu­lassen. Der Rück­schnitt ist keine Kapi­tu­la­tion, sondern Vorbe­din­gung für neues Wachstum.
  • Der Wandel betrifft immer das ganze System.
    Es geht nicht nur um Struk­turen und Prozesse, sondern um Iden­tität, Kultur, Führungs­ver­ständnis und die grund­le­genden Annahmen, nach denen eine Orga­ni­sa­tion funk­tio­niert. Heitger und Doujak haben stets auf diesen syste­mi­schen Charakter von tief­grei­fendem Wandel hinge­wiesen – eine Grund­über­zeu­gung, die uns als Bera­ter­gruppe Neuwaldegg bis heute prägt.
  • Stabi­li­sie­rung vor Erneue­rung.
    Das Modell folgte einer klaren Logik: Erst wenn die exis­ten­zi­elle Bedro­hung gebannt ist – wenn der Boden unter den Füßen wieder trägt – kann echte Erneue­rung beginnen. Wer in der akuten Krise Inno­va­tion fordert, über­for­dert das System.

3. Was erleben wir heute anders?

Das Grund­prinzip gilt nach wie vor. Aber der Kontext, in dem Orga­ni­sa­tionen heute agieren, hat sich funda­mental verschoben. In unserer gemein­samen Refle­xion mit Kolleg:innen haben wir folgende Verän­de­rungen als beson­ders prägend iden­ti­fi­ziert:

Zeit­druck: Was früher 5 Jahre hatte, muss heute in 18 Monaten gelingen

Das ist viel­leicht die gravie­rendste Verän­de­rung. Was wir bei unseren Kund:innen erleben: Der Zeit­raum, den Orga­ni­sa­tionen für funda­men­talen Wandel haben, hat sich drama­tisch verkürzt. Phasen­mo­delle mit mehr­jäh­rigen Hori­zonten? Für viele ein Luxus der Vergan­gen­heit.

Ein Auto­mo­bil­zu­lie­ferer – nennen wir ihn stell­ver­tre­tend für eine Branche, die gerade unter massivem Druck steht – hat keine fünf Jahre, um seine Produk­ti­ons­logik zu trans­for­mieren. Er hat 12 bis 18 Monate, bevor die nächste Verhand­lungs­runde mit dem OEM entscheidet, ob man noch dabei ist. Was das für Führungs­kräfte und Beleg­schaft bedeutet – an Energie, an Verlust, an emotio­naler Belas­tung –, ist enorm.

Wie erleben Sie das in Ihrer Orga­ni­sa­tion? Haben Sie das Gefühl, dass der Spiel- und Zeit­raum für Verän­de­rung enger wurde– oder dass Sie tatsäch­lich schneller geworden sind?

Tech­no­logie – und insbe­son­dere KI – als eigen­stän­diger Treiber

Früher war Tech­no­logie Enabler, heute ist sie oft der Auslöser. Was wir beob­achten: Orga­ni­sa­tionen beginnen spie­le­risch oder holprig mit der Einfüh­rung von KI-Tools – und merken plötz­lich, dass das, was sie als Pilot­pro­jekt gestartet haben, eigent­lich eine Grund­satz­ent­schei­dung über ihre Arbeits­weise ist.

Ein Beispiel aus unserer Bera­tungs­praxis: Ein Unter­nehmen startet ein KI-Projekt zur Auto­ma­ti­sie­rung von Verwal­tungs­auf­gaben. Die Tech­no­logie funk­tio­niert. Aber die Prozesse, die Menschen, die Schnitt­stellen – die sind nicht bereit. Es entstehen Ausweich­me­cha­nismen. Was als IT-Projekt geplant war, entwi­ckelt sich zum Kultur­wandel.

Und plötz­lich steht die Frage im Raum:

Ist das noch ein Projekt – oder sind wir mitten in einem Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess?

Orga­ni­sa­tionen sind besser geworden – aber auch erschöpfter

Dies ist eine para­doxe Beob­ach­tung, die uns beschäf­tigt: Orga­ni­sa­tionen haben in den letzten Jahren tatsäch­lich an Verän­de­rungs­kom­pe­tenz gewonnen. Agilität, Selbst­or­ga­ni­sa­tion, parti­zi­pa­tive Formate – das Metho­den­re­per­toire ist breiter geworden. Der Umgang mit Komple­xität ist geübter.

Gleich­zeitig ist die Ermü­dung spürbar. Viele Orga­ni­sa­tionen befinden sich seit Jahren in einem Zustand perma­nenter Verän­de­rung. Trans­for­ma­tion ist keine Ausnahme mehr – sie ist der Normal­zu­stand. Und das zehrt. An Energie, an Vertrauen, an der Bereit­schaft, sich noch einmal neu einzu­bringen.

Frage: Wie erleben Sie das in Ihrer Orga­ni­sa­tion oder bei Ihren Kund:innen – diese Gleich­zei­tig­keit von gestie­gener Verän­de­rungs­kom­pe­tenz und wach­sender Erschöp­fung? Welche Beob­ach­tungen haben Sie dazu?

Wirt­schaft­liche Unsi­cher­heit als neuer Normal­zu­stand

Was früher eine Krise war – ein vorüber­ge­hender Ausnah­me­zu­stand, nach dem die Norma­lität zurück­kehrt –, fühlt sich heute anders an. Die geopo­li­ti­sche Lage, Liefer­ket­ten­druck, Ener­gie­preise, demo­gra­fi­scher Wandel: Diese Faktoren treffen gleich­zeitig und verstärken sich gegen­seitig. Für viele Orga­ni­sa­tionen ist die Frage nicht mehr „Wann wird es wieder einfa­cher?“, sondern

Wie navi­gieren wir dauer­haft in einem Umfeld, das sich ständig verschiebt?

Das prägt die Bera­tungs­logik grund­le­gend. Es geht nicht mehr nur darum, eine Orga­ni­sa­tion durch eine Krise zu führen – sondern darum, sie dauer­haft wand­lungs­fähig zu machen.

4. Heute geht es um „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion“

Warum ein neuer Begriff?

„Harte Schnitte – Neues Wachstum“ hat uns viele Jahre gut gedient. Aber der Begriff trägt etwas in sich, das uns heute zu eng erscheint: Er sugge­riert eine Sequenz – erst der Schnitt, dann das Wachstum. Erst der Schmerz, dann die Erneue­rung.

Die Realität, die wir heute erleben, ist viel­schich­tiger. Orga­ni­sa­tionen bauen gleich­zeitig ab und auf. Sie sparen Kosten und inves­tieren in Inno­va­tion. Sie kämpfen um Stabi­lität in einem Bereich, während sie in einem anderen Bereich Neues erkunden. Die Gleich­zei­tig­keit ist das Neue.

Deshalb arbeiten wir heute mit dem Begriff „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion“ – und meinen damit mehr als Resi­lienz. Resi­lienz beschreibt die Fähig­keit, Erschüt­te­rungen stand­zu­halten und zum Ausgangs­zu­stand zurück­zu­kehren. Rege­ne­ra­tion geht weiter: Es ist die Fähig­keit, durch Erschüt­te­rungen stärker, anpas­sungs­fä­higer und erneuert aus Krisen hervor­zu­gehen.

Nassim Nicholas Taleb hat dafür den Begriff der Anti­fra­gi­lität geprägt: Systeme, die nicht nur robust sind, sondern von Stress und Vola­ti­lität profi­tieren – wie Muskeln, die nur durch Belas­tung wachsen, oder wie bestimmte Ökosys­teme, die nach einem Wald­brand reicher und viel­fäl­tiger zurück­kehren als zuvor¹.

Die drei Modi der „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion“

Modus 1: Defen­sive Stra­tegy – „Zuerst über­leben“

Was ist die Ausgangs­lage? Die Orga­ni­sa­tion steht unter exis­ten­zi­ellem Druck. Die Kosten über­steigen die Erträge struk­tu­rell, Liqui­dität ist gefährdet, oder der Markt bricht ein. Es gibt keinen Spiel­raum für stra­te­gi­sche Refle­xion – gehan­delt werden muss jetzt.

Was sagen Führungs­kräfte in dieser Situa­tion?

  • „Wenn wir so weiter­ma­chen, sind wir in wenigen Monaten nicht mehr zahlungs­fähig.“
  • „Die Zukunft können wir noch nicht denken – erst müssen wir sicher­stellen, dass wir über­haupt noch da sind.“
  • „Kosten­sen­kung ist nicht verhan­delbar.“

Ein Bild dazu: Der Baum im Sturm. Zuerst müssen die Wurzeln halten. Erst wenn der Sturm nach­lässt, kann man fragen, wie man ihn robuster macht.

Was bedeutet das für die Bera­tung? Hier braucht es vor allem Klar­heit, Schnel­lig­keit und Mut zur Entschei­dung. Die Kunst liegt darin, die harten Schnitte so zu setzen, dass die Orga­ni­sa­tion danach noch Substanz hat – und nicht ausblutet. Gleich­zeitig muss früh­zeitig Raum geschaffen werden für die Frage: Was kommt nach dem Über­leben? Denn wer nur ums Über­leben kämpft, ohne eine Vorstel­lung von Erneue­rung zu entwi­ckeln, landet nach dem Sturm auf einem kahlen Feld.

Bei einem Auto­zu­lie­ferer standen wir genau vor dieser Frage. Die Heraus­for­de­rung war auf der einen Seite, die sehr schwie­rigen Maßnahmen auf den Weg zu bringen und die notwen­digen Gespräche zu führen. Das war aber nicht das Einzige: Die Art und Weise, wie die Maßnahmen durch­ge­führt wurden, waren zentral. Nicht auf eine Sala­mi­taktik zu setzen, die Beglei­tung der Blei­benden auch im Fokus zu haben, an wich­tigsten Stellen rele­vante Stake­holder einzu­binden und in der Authen­ti­zität zu bleiben waren zentral. Es war echt anstren­gend und hat viel­leicht an 2 bis 3 Stellen länger gedauert, aber auch wenn es schwer war, konnten sich noch alle in die Augen sehen.

Modus 2: Rede­sign – „Grund­le­gend neu aufstellen“

Was ist die Ausgangs­lage? Die Orga­ni­sa­tion erkennt, dass das bestehende Geschäfts­mo­dell oder die Aufstel­lung nicht mehr trägt – nicht weil sie in akuter Not ist, sondern weil sich das Umfeld funda­mental verän­dert hat. Es gibt einen Verän­de­rungs­willen und -bedarf, aber noch keine klare Rich­tung.

Was sagen Führungs­kräfte in dieser Situa­tion?

  • „Der Markt, den wir kennen, schrumpft. Wir müssen uns neu erfinden.“
  • „Es gibt eine Fantasie, wie es weiter­gehen könnte – aber wir wissen noch nicht wie.“
  • „Heute funk­tio­nieren unsere Produkte und unser Busi­ness Modell noch am Markt – aber was ist in ein paar Jahren?“

Ein anschau­li­ches Beispiel, das in unserer Diskus­sion immer wieder auftauchte: Orga­ni­sa­tionen, die unter Druck geraten, weil die klas­si­sche Geschäfts­logik brüchig wird. Oder Medi­en­un­ter­nehmen, die digi­talen Wandel nicht als Ergän­zung, sondern als struk­tu­relle Neuerfin­dung verstehen müssen. Oder – sehr nah an vielen unserer Kund:innen – Kirchen und Nonprofit-Orga­ni­sa­tionen, die merken: Das Umfeld hat sich so funda­mental verän­dert, dass weder Opti­mie­rung noch Kultur­ar­beit allein reichen.

Was bedeutet das für die Bera­tung? Rede­sign ist oft der anspruchs­vollste Modus, weil er keine klare Gefah­ren­si­tua­tion hat, die Energie mobi­li­siert und gleich­zeitig mehr Wandel verlangt als Opti­mie­rungs­ar­beit. Die Bera­tungs­logik: Zuerst Stabi­li­sie­rung, dann Neuaus­rich­tung – oft in Sequenz, manchmal in paral­lelen Strängen.

Und immer mit der Frage im Hinter­grund:

Was darf weg – und was muss unbe­dingt erhalten bleiben, weil es Kern der Iden­tität ist?

Das erin­nert uns auch an Argyris & Schön als Double-Loop-Lear­ning². Es reicht nicht, besser im alten Spiel zu werden. Man muss bereit sein, die Spiel­re­geln selbst in Frage zu stellen.

Modus 3: Renewal – „Neues erkunden und wachsen“

Was ist die Ausgangs­lage? Die Orga­ni­sa­tion ist stabil – oder wächst sogar. In manchen Fällen über­rollt das Wachstum die internen Struk­turen, in anderen gibt es klar iden­ti­fi­zierte Poten­ziale, die gehoben werden könnten, wenn man sich neu aufstellt. Oder: Man beginnt mit etwas Konkretem zu expe­ri­men­tieren – und merkt, dass das Auspro­bieren selbst Wandel auslöst.

Was sagen Führungs­kräfte in dieser Situa­tion?

  • Wir bräuchten mehr Kapa­zität – aber eigent­lich muss sich die Art, wie wir arbeiten, verän­dern.“
  • „Wir sehen aus dem Inneren heraus, was möglich wäre – aber wir schaffen es nicht, dorthin zu kommen.“
  • „Wir wollen KI auspro­bieren – aber plötz­lich merken wir, dass dafür eigent­lich alles anders gestaltet werden müsste.“

Gerade der letzte Punkt beschäf­tigt uns intensiv: KI als Türöffner für unbe­wusste Trans­for­ma­tion. Was als tech­ni­sches Pilot­pro­jekt beginnt, entwi­ckelt sich – oft unbe­merkt – zu einer grund­sätz­li­chen Frage über Zusam­men­ar­beit, Führung und Orga­ni­sa­ti­ons­logik. Die Tech­no­logie funk­tio­niert. Die Orga­ni­sa­tion noch nicht.

Das ist kein Schei­tern – das ist ein Signal. Der Moment, in dem aus einem Projekt ein echter Wand­lungs­pro­zess wird. Und genau diesen Moment zu erkennen und bewusst zu gestalten: Das ist Bera­tungs­ar­beit.

Was bedeutet das für die Bera­tung? Im Renewal-Modus geht es darum, Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit aufzu­bauen, neue Struk­turen parallel zu entwi­ckeln und Kultur­ver­än­de­rung einzu­leiten – ohne das laufende Geschäft zu gefährden. Das klingt einfa­cher als es ist. Denn oft fehlt genau das: die Beid­hän­dig­keit – die Fähig­keit, das Bestehende gut zu betreiben und gleich­zeitig das Neue zu erkunden.

Peter Senge beschrieb das in „The Fifth Disci­pline“ als eine der zentralen Diszi­plinen lernender Orga­ni­sa­tionen: die Fähig­keit zur gemein­samen Vision – nicht als starres Ziel­bild, sondern als leben­dige Kraft­quelle, die Energie für Verän­de­rung frei­setzt³.

Die drei Typen im Zusam­men­spiel: Drei proto­ty­pi­sche Situa­tionen

In der Praxis zeigt sich, dass die Modi selten sauber getrennt auftreten. Wir beschreiben drei proto­ty­pi­sche Situa­tionen, die die Über­lap­pung sichtbar machen:

  • Situa­tion 1: „Wir auto­ma­ti­sieren – und merken, dass wir uns neu erfinden müssen.“
    Ein Unter­nehmen startet mit der Auto­ma­ti­sie­rung von Routi­ne­auf­gaben. Die Tech­no­logie ist bereit. Aber die Zusam­men­ar­beit zwischen Teams, die Führungs­logik, die Prozesse – nichts davon ist für die neue Welt gemacht. Was als Effi­zi­enz­pro­jekt begann, wird zum Wandel zweiter Ordnung.
    Modus: Renewal → Rede­sign
  • Situa­tion 2: „Wir wachsen – und brechen gleich­zeitig ein.“
    Eine Orga­ni­sa­tion erlebt starkes Wachstum. Die Nach­frage steigt, aber die internen Struk­turen skalieren nicht mit. Mitar­bei­tende sind über­lastet, Qualität leidet, Prozesse brechen. Gleich­zeitig steigt der Kosten­druck. Die Lösung liegt nicht im „Mehr vom Glei­chen“, sondern in einem grund­le­genden Umbau des Opera­ting Models – bei laufendem Betrieb.
    Modus: Rede­sign mit Elementen von Defen­sive Stra­tegy
  • Situa­tion 3: „Wir müssen gleich­zeitig abbauen und neu aufbauen.“
    Eine große, komplexe Orga­ni­sa­tion – etwa ein Forschungs­ver­bund oder ein diver­si­fi­zierter Konzern – erkennt: Das Kern­ge­schäft schrumpft, die Kosten müssen sinken, aber gleich­zeitig müssen neue Geschäfts­felder aufge­baut werden. Die Tragik dieser Situa­tion: Die Ressourcen, die man für Erneue­rung bräuchte, werden für den Rückbau verwendet. Hier macht das Phasen­mo­dell wieder Sinn – aber es muss parallel gedacht werden.
    Modus: Defen­sive Stra­tegy + Rede­sign + Renewal gleich­zeitig, je nach Bereich

5. Ablei­tungen & offene Fragen für die Bera­tungs- und Führungs­praxis

Was bleibt – und was verän­dert sich

Das Grund­prinzip von Heitger und Doujak hat sich bewährt: Tiefer Wandel erfor­dert das Loslassen von Altem, bevor Neues entstehen kann. Die Sequenz – Stabi­li­sie­rung, Refle­xion, Neuaus­rich­tung – ist nach wie vor gültig. Aber sie muss heute kompri­miert, gleich­zeitig gedacht und unter extremem Zeit­druck gestaltet werden.

Was sich verän­dert hat:

  • Der Zeit­ho­ri­zont ist dras­tisch kürzer geworden.
  • Die Gleich­zei­tig­keit verschie­dener Modi ist zur Regel geworden, nicht zur Ausnahme.
  • Tech­no­logie – insbe­son­dere KI – ist nicht mehr nur Werk­zeug, sondern eigen­stän­diger Treiber von Trans­for­ma­tion.
  • Erschöp­fung und Verän­de­rungs­mü­dig­keit sind neue Para­meter, die in der Bera­tungs­logik mitge­dacht werden müssen.
  • Anti­fra­gi­lität als Ziel­di­men­sion ergänzt und erwei­tert den Resi­li­en­z­ge­danken.

Fragen, die uns als Führungs­kräfte und Bera­tende leiten:

Für Top-Manager:innen stellen sich heute – aus unserer Sicht – folgende Schlüs­sel­fragen:

  • In welchem Modus befinde ich mich gerade?
    Kämpfe ich ums Über­leben, baue ich um, oder erkunde ich Neues? Und was braucht meine Orga­ni­sa­tion in diesem Moment wirk­lich?
  • Was muss ich loslassen – und welche Iden­tität schütze ich dabei?
    Nicht alles, was bewährt ist, ist noch funk­tional. Aber nicht alles, was schmerzt, sollte weg. Wo liegt der Unter­schied?
  • Wie schaffe ich Gleich­zei­tig­keit, ohne meine Orga­ni­sa­tion zu über­for­dern?
    Agilität und Stabi­lität, Rückbau und Aufbau, Effi­zienz und Inno­va­tion: Wie führe ich in dieser Span­nung? Führen in Span­nungs­fel­dern ist für viele heraus­for­dernd. Wie gelingt uns diese Entwick­lung in Führungs­teams?
  • Wann ist aus einem Projekt ein Wand­lungs­pro­zess geworden?
    Und wie erkenne ich diesen Moment früh genug, um ihn bewusst zu gestalten?
  • Was gibt meiner Orga­ni­sa­tion Energie in einer Zeit des perma­nenten Wandels?
    Erschöp­fung ist real. Wo liegen die Quellen für Erneue­rung – in der Orga­ni­sa­tion, in der Führung, in mir selbst?

Für Bera­tende stellt sich ergän­zend die Frage:

  • Wie begleiten wir Orga­ni­sa­tionen, die alle drei Modi gleich­zeitig leben müssen – und wie helfen wir Führungs­kräften, in dieser Komple­xität hand­lungs­fähig zu bleiben?

Was noch offen ist?

Wir möchten ehrlich sein: Nicht alles ist geklärt. Einige Fragen beschäf­tigen uns weiterhin, und wir glauben, dass gerade diese offenen Fragen produktiv sind:

  • Gibt es einen vierten, diffusen Modus? – Den Moment, in dem eine Orga­ni­sa­tion weiß, dass es so nicht weiter­geht – aber noch nicht weiß, wie es anders aussehen soll? Und wie begleitet man dieses Nicht-Wissen?
  • Wie sieht ein Modell aus, das Gleich­zei­tig­keit abbildet, ohne zu verein­fa­chen? – Die klas­si­sche Land­karte denkt sequen­ziell. Die Realität ist zirkulär, verschach­telt, iterativ. Wie machen wir das darstellbar – und hand­habbar?
  • Wie verän­dert KI die Bera­tungs­logik selbst? – Nicht nur als Thema für unsere Kund:innen, sondern als Frage für uns als Bera­tende.

Wir freuen uns über Reak­tionen, Rück­mel­dungen und Fragen. Dieser Artikel ist – ganz im Sinne von „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion“ – ein Zwischen­stand, kein Abschluss.

Über die Autor:innen

Barbara Buza­nich-Pöltl und Michael Moeller sind Berater:innen der Bera­ter­gruppe Neuwaldegg. Sie begleiten Orga­ni­sa­tionen in funda­men­talen Verän­de­rungs­pro­zessen – mit einem Schwer­punkt auf syste­mi­scher Bera­tung, Beglei­tung von Manage­ment­teams, Führungs­kräf­te­ent­wick­lung und orga­ni­sa­tio­nalem Wandel.

Quellen & Lite­ra­tur­hin­weise

  1. Taleb, N. N. (2012). Anti­fra­gile: Things That Gain from Disorder. Random House. – Taleb unter­scheidet zwischen fragilen Systemen (die unter Stress brechen), robusten Systemen (die Stress aushalten) und anti­fra­gilen Systemen (die von Stress profi­tieren).
  2. Argyris, C. & Schön, D. A. (1978). Orga­niza­tional Lear­ning: A Theory of Action Perspec­tive. Addison-Wesley. – Das Konzept des Double-Loop-Lear­ning beschreibt die Fähig­keit, nicht nur Verhalten, sondern die zugrun­de­lie­genden Annahmen und Werte zu hinter­fragen.
  3. Senge, P. M. (1990). The Fifth Disci­pline: The Art and Prac­tice of the Lear­ning Orga­niza­tion. Doubleday. – Senge beschreibt fünf Diszi­plinen lernender Orga­ni­sa­tionen, darunter System­denken, mentale Modelle und gemein­same Vision.
  • Heitger, B. & Doujak, A. (2002, 2. Auflage 2014) Harte Schnitte – Neues Wachstum, Bera­ter­gruppe Neuwaldegg.
  • McKinsey Global Insti­tute (2023). The State of Orga­niza­tions 2023. – Studie zu den größten Heraus­for­de­rungen für Orga­ni­sa­tionen in einer Zeit des perma­nenten Wandels: Geschwin­dig­keit, Komple­xität und Talent­ge­win­nung werden als Top-Heraus­for­de­rungen iden­ti­fi­ziert. https://​www​.mckinsey​.com/​c​a​p​a​b​i​l​i​t​i​e​s​/​p​e​o​p​l​e​-​a​n​d​-​o​r​g​a​n​i​z​a​t​i​o​n​a​l​-​p​e​r​f​o​r​m​a​n​c​e​/​o​u​r​-​i​n​s​i​g​h​t​s​/​t​h​e​-​s​t​a​t​e​-​o​f​-​o​r​g​a​n​i​z​a​t​i​o​n​s​-​2​023
  • Deloitte Insights (2024). Global Human Capital Trends. – Aktu­elle Befunde zur orga­ni­sa­tio­nalen Erschöp­fung und der Notwen­dig­keit, Resi­lienz als stra­te­gi­sche Prio­rität zu behan­deln. https://​www2​.deloitte​.com/​u​s​/​e​n​/​i​n​s​i​g​h​t​s​/​f​o​c​u​s​/​h​u​m​a​n​-​c​a​p​i​t​a​l​-​t​r​e​n​d​s​.​h​tml

Tipp! Neuwald­egger Melange zu „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ne­ra­tion“, 17.9.2026

Michael Moeller und Astrid Rein­precht laden zum früh­mor­gend­li­chen gemein­samen Kaffee­ge­nuss mit Mehr­wert. Diesmal geht es von 8.00 – 8.55 Uhr, um „Orga­ni­sa­tional Rege­ne­ra­tion“, um eine Weiter­ent­wick­lung der bewährten Neuwald­egger Change-Land­karten. Anhand von proto­ty­pi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­si­tua­tionen, von der exis­ten­zi­ellen Krise bis zur KI-Einfüh­rung, wird gemeinsam disku­tiert: Wie erkennen Sie, welcher Modus gerade domi­niert? Und wie lässt sich ein Chan­ge­pro­zess entspre­chend gestalten? Erleben Sie praxis­nahe Geschichten und konkrete Methoden, die direkt in Ihrer Arbeit anwendbar sind. Gewinnen Sie einen Eindruck der aktu­ellen Heraus­for­de­rungen in Unter­nehmen – und wie inno­va­tive Antworten darauf aussehen können. Nehmen Sie wert­volle Denk­an­stöße für Ihre eigene Praxis mit!

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Gesell­schaft für Unter­neh­mens­be­ra­tung und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung GmbH

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