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Selbst­or­ga­ni­sa­tion in der Praxis. Wie forKIDS seine Orga­ni­sa­tion resi­li­enter macht

„Irgend­wann kann sich keine:r mehr vorstellen ohne Team­board zu arbeiten“, sagt Dagmar Fischnaller. Sie leitet neun Thera­pie­zen­tren des Diako­nie­werks in Tirol und begleitet eine Orga­ni­sa­tion auf ihrem Weg in die Selbst­or­ga­ni­sa­tion. Ein Gespräch über Diszi­plin als Voraus­set­zung für Frei­heit, die Kunst des Loslas­sens und warum „langsam“ manchmal das Schnellste ist.

Dagmar Fischnaller sitzt in Inns­bruck, ich in Wien. Wir kennen uns seit ein paar Jahren – seit sie beim „Moving Leader­ship Lehr­gang“ dabei war, einem unserer Programme, das sich mit Führung und Agilität beschäf­tigt. Seitdem verfolge ich ihre Reise mit wach­sender Bewun­de­rung. Als sie im Change Campus Advanced ihre Erfah­rungen vorstellte, war der Raum still. Nicht aus Höflich­keit, sondern weil alle spürten: Das hier ist echte Arbeit. Echte Verän­de­rung. Und ein echtes Expe­ri­ment, das noch läuft.
Ich inter­viewe sie, weil ich finde, dass ihre Geschichte erzählt werden sollte. Nicht als Erfolgs­ge­schichte im Hoch­glanz­format, sondern so, wie sie ist: ehrlich, unfertig und genau deshalb so wert­voll.

Barbara: „Dagmar, bevor wir tiefer einsteigen: Was machst Du eigent­lich genau?“

Dagmar: „Wir, forKIDS, sind ein inter­dis­zi­pli­näres Thera­pie­zen­trum für Kinder mit Entwick­lungs­stö­rungen und Verhal­tens­auf­fäl­lig­keiten und Teil des Diako­nie­werks. Das heißt: Ergo­the­rapie, Logo­pädie, Physio­the­rapie und klinisch-psycho­lo­gi­sche Behand­lung – alles unter einem Dach. Wir sind tirol­weit aufge­stellt, mit neun Stand­orten, also in jedem Bezirk einer. Zuge­wiesen werden die Kinder von Kinder­fach­ärz­tinnen und -ärzten, immer mit Diagnose. Finan­ziert sind wir über die öffent­liche Hand und die Öster­rei­chi­sche Gesund­heits­kasse. Meine Rolle ist die Gesamt­lei­tung dieser Thera­pie­zen­tren. Ich verant­worte die Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung, das Budget und habe ein kleines Verwal­tungs­team, das mich unter­stützt.“

Barbara: „Das Diako­nie­werk ist in einem großen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Was sind deine Gründe, mit forKIDS mitzu­ma­chen?“

Dagmar: „Das beschäf­tigt mich schon länger. Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn eine Führungs­kraft geht und das gesamte Wissen bei einer einzigen Person gebün­delt ist. Da geht enorm viel verloren. Ich habe mir deshalb die Frage gestellt: Wie verteile ich Wissen? Wie verteile ich Verant­wor­tung? Und wie schaffe ich es, dass sich Mitar­bei­tende wirk­lich einbringen?
Dazu kommt, dass sich der Arbeits­markt verän­dert. Viele Menschen möchten heute mitge­stalten und Verant­wor­tung über­nehmen. Genau diese Frage – wie wir das ermög­li­chen können – begleitet mich schon seit vielen Jahren.“

Dagmars Weg bei forKIDS ist heute Teil einer größeren Entwick­lung im Diako­nie­werk. Das Diako­nie­werk befindet sich in einem umfas­senden Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Dabei geht es um kolle­giale Selbst­or­ga­ni­sa­tion, geteilte Führungs­ver­ant­wor­tung, spar­ten­über­grei­fende Zusam­men­ar­beit und eine stär­kere sozi­al­räum­liche Ausrich­tung. Nicht alle Bereiche des Diako­nie­werks setzen dabei dieselben Schritte zur selben Zeit. Erfah­rungen, die an unter­schied­li­chen Stellen gesam­melt werden, fließen in die weitere Entwick­lung der Orga­ni­sa­tion ein. forKIDS ist einer dieser Bereiche, in denen neue Formen der Zusam­men­ar­beit bereits konkret erprobt werden.

Barbara: „Wie hat diese Reise begonnen?“

Dagmar: „Der erste Impuls war ein Angebot bei Neuwaldegg zum Thema psycho­lo­gi­sche Sicher­heit. Dort habe ich mich zum ersten Mal intensiv damit beschäf­tigt, was es braucht, damit Menschen sich in einem Team wirk­lich einbringen. Im Kern ging es um die Frage: Wie entsteht Vertrauen?
Dann kam der Lehr­gang Moving Leader­ship. Der war für mich sehr prägend. Dort ging es um Rollen­kon­zepte, Stra­te­gie­ent­wick­lung und darum, wie man so einen Verän­de­rungs­pro­zess über­haupt aufsetzt.
Danach habe ich mich inten­siver mit kolle­gial geführten Unter­nehmen beschäf­tigt und war auch in Hamburg bei Bernd Oeste­reich. An diesem Ansatz gefällt mir, dass er viel Gestal­tungs­spiel­raum lässt. Sozio­kratie oder Holok­ratie wären für unseren Kontext zu starr gewesen.“

Was bedeutet kolle­giale Führung in der Praxis?

Der Begriff geht wesent­lich auf die deut­schen Organisationsberater:innen Claudia Schröder und Bernd Oeste­reich zurück. Im Kern geht es darum, Führungs­ver­ant­wor­tung nicht bei einzelnen Personen zu konzen­trieren, sondern in der Orga­ni­sa­tion zu verteilen. Statt einer Hier­ar­chie mit klaren Über- und Unter­ord­nungen gibt es Kreise und Rollen. Entschei­dungen werden möglichst dort getroffen, wo das Wissen und die Konse­quenz der Entschei­dung liegt. Führung wird damit zur geteilten Aufgabe, nicht zur Eigen­schaft einer einzelnen Person. Kolle­giale Führung ist kein starres System, sondern ein Rahmen, den Orga­ni­sa­tionen für sich ausge­stalten können. Wer tiefer einsteigen möchte: Bernd Oeste­reich und Claudia Schröder haben das Konzept im Buch “Das kolle­gial geführte Unter­nehmen“ beschrieben.

An dem Punkt erin­nere ich mich noch gut an Dagmar, als wir uns das erste Mal begegnet sind. Sie war noch suchend, noch tastend. Nicht sicher, wohin die Reise geht. Was mich damals schon faszi­niert hat: Sie hat immer wieder auspro­biert. Sie hat nie gewartet, bis alles klar war.

Barbara: „Was habt ihr als Erstes einge­führt?“

Dagmar: „Wir haben zuerst heraus­ge­ar­beitet, welche Methoden wir einführen wollen und mit welchen Stan­dard­rollen wir starten. Das haben wir beschrieben und so aufbe­reitet, dass es für alle im Haus leicht zugäng­lich und jeder­zeit nach­lesbar ist. Dann sind wir in die Tiefe gegangen. Bei Team­sit­zungen haben wir beob­achtet, wie die Mode­ra­tion läuft. Wir haben die Mode­rie­renden vorbe­reitet, die Sitzungen begleitet und anschlie­ßend gemeinsam reflek­tiert. Das klingt aufwendig, führt aber zu unglaub­lich schnellem Lernen. Wenn du ein Team einein­halb bis zwei Monate intensiv beglei­test, kommen die Leute wirk­lich rasch ins Tun.“

Barbara: „Was ist das zentrale Werk­zeug, das ihr einge­führt habt?“

Dagmar: „Das Team­board. Das ist für uns das zentrale Steue­rungs­in­stru­ment, auf dem alle Themen sichtbar werden, die das Team betreffen. Es darf wirk­lich alles darauf. Das Team orga­ni­siert sich anhand dieses Boards selbst. Es ähnelt einem Kanban-Board. Daneben arbeiten wir mit unter­schied­li­chen Methoden der Entschei­dungs­fin­dung.
Für einfache Entschei­dungen nutzen wir häufig die Wider­stands­ab­frage. Dabei geht es nicht um Zustim­mung, sondern um die Frage: Gibt es einen schwer­wie­genden Einwand? Wenn nicht, probieren wir es einfach aus – ‘Good enough to try.’
Wir verwenden auch die Einwands­in­te­gra­tion. Dabei fragen wir: Ist das ein persön­li­cher Einwand oder einer, der das ganze Team betrifft? Wenn der Einwand das Team betrifft, wird er in die Lösung inte­griert.
Und, Retro­spek­tiven sind ein fixes Format, um nach einer bestimmten Zeit gemeinsam auf den Prozess selbst zu schauen und zu über­legen, was gut funk­tio­niert hat und was wir verbes­sern können.“

Barbara: „Wie sieht eine typi­sche Bespre­chung bei euch aus?“

Dagmar: „Wir haben eine Stunde, geglie­dert in mehrere Elemente. Wir starten mit einem kurzen Check-in und einem Infor­ma­ti­ons­teil. Danach gehen wir das Team­board durch und prio­ri­sieren die Kärt­chen. Anschlie­ßend folgt eine zwan­zig­mi­nü­tige Fall­be­spre­chung. Danach gibt es Feed­back durch den Lern­be­gleiter, und wir schließen mit einem kurzen Check-out ab.
Das kann je nach Themen vari­ieren. Manchmal gibt es zwei Fall­be­spre­chungen und nur wenig Team­board, manchmal steht ausschließ­lich das Team­board im Mittel­punkt. Welche Schwer­punkte gesetzt werden, entscheidet die Mode­ra­ti­ons­rolle – je nachdem, welche Themen einge­bracht wurden.“

Ich unter­breche kurz. Weil ich weiß, was jetzt kommt. Und weil ich finde, dass es das Herz­stück ihrer Arbeit ist.

Barbara: „Du hast einmal gesagt: ‚Wir machen jetzt ein Jahr lang nur Rollen und Formate. Noch gar nichts anderes.’ Das klingt nach einer Menge Geduld.“

Dagmar: „Das unter­schätzt man. Aber ich bin über­zeugt: Wenn man sich diese Zeit nimmt, veran­kern sich die neuen Arbeits­weisen wirk­lich. Das ist wie bei der Einfüh­rung eines neuen EDV-Systems. Am Anfang dreht sich vieles darum. Doch nach ein paar Jahren denkt niemand mehr darüber nach – weil es selbst­ver­ständ­lich geworden ist. Genau das wünsche ich mir auch für unser Team­board. Irgend­wann soll sich niemand mehr vorstellen können, ohne es zu arbeiten.“

Barbara: „Viele Orga­ni­sa­tionen würden sagen: ‘Ein Jahr für Rollen und Formate – das können wir uns nicht leisten.’“

Dagmar: „Ich glaube, genau darin liegt der Fehler. Wenn du zu schnell durch­gehst, entwi­ckelst du kein Gespür für die vielen Details. Dieses Gespür muss wachsen. Erst wenn die neuen Arbeits­weisen selbst­ver­ständ­lich geworden sind, können sie ihre volle Wirkung entfalten.“

Das erin­nert mich an einen Begriff, den wir bei Neuwaldegg verwenden – „kodi­fi­zierte Selbst­or­ga­ni­sa­tion“. Klingt zunächst wie ein Wider­spruch. Aber er beschreibt genau das, was Dagmar hier macht.

Kodi­fi­zierte Selbst­or­ga­ni­sa­tion: Warum Selbst­or­ga­ni­sa­tion klare Struk­turen braucht

In der Arbeit mit Orga­ni­sa­tionen zeigt sich immer wieder: Selbst­or­ga­ni­sa­tion braucht am Anfang mehr Struktur, nicht weniger. Klare Rollen, verein­barte Formate, verbind­liche Methoden. Nicht weil Kontrolle das Ziel ist, sondern weil Menschen einen stabilen Rahmen brau­chen, um Neues einzu­üben und Sicher­heit zu gewinnen. Erst wenn etwas zur Gewohn­heit geworden ist, kann es sinn­voll weiter­ent­wi­ckelt oder ange­passt werden. Dieses Prinzip nennen wir „kodi­fi­zierte Selbst­or­ga­ni­sa­tion“ – zuerst das Gerüst, dann die Frei­heit.

Barbara: „Du hast das Wort ‚strikt’ verwendet. Das klingt auf den ersten Blick nach dem Gegen­teil von Selbst­or­ga­ni­sa­tion.“

Dagmar: „Ich weiß, was du meinst. Aber genau darin liegt der Schlüssel. Am Anfang brau­chen Selbst­or­ga­ni­sa­tion und Eigen­ver­ant­wor­tung einen klaren Rahmen. Die Methoden müssen von allen konse­quent und einheit­lich ange­wendet werden. Man merkt ja selbst, wie schnell man wieder in alte Muster zurück­fällt. Deshalb ist diese konse­quente Mode­ra­tion und das stän­dige Zurück­führen auf die verein­barten Arbeits­weisen so wichtig. Erst wenn das sitzt, entsteht der Frei­raum, Dinge weiter­zu­ent­wi­ckeln oder anzu­passen.“

Barbara: „Was konn­test du auf der Beob­ach­ter­ebene schon wahr­nehmen? Was verän­dert sich wirk­lich?“

Dagmar: „Das Erste ist, wie offen sich die Teams auf den Prozess einlassen. Sie reagieren nicht mit großem Wider­stand, sondern sagen: ‚Ja, wir probieren das aus.’ Das empfinde ich schon als großen Erfolg.
Was ich außerdem beob­achte – vor allem in Teams, die früher sehr hier­ar­chisch geführt wurden: Die Mitar­bei­tenden bringen sich viel stärker ein. Sie äußern ihre Sicht­weisen, ohne sofort wieder ausge­bremst zu werden. Das nimmt spürbar zu. Und sie erleben, dass ihre Themen gehört und zeitnah bear­beitet werden. Natür­lich lässt sich nicht alles umsetzen. Aber sie merken, dass ihre Anliegen ernst genommen werden und in die Sicht­bar­keit kommen.
Früher sind Themen, die den Mitar­bei­tenden wichtig waren, oft liegen geblieben, weil wir als Führung andere Prio­ri­täten gesetzt haben. Was für eine Führungs­kraft wichtig ist, deckt sich eben nicht immer mit dem, was für ein Team wichtig ist. Wenn Menschen jedoch erleben, dass ihre Anliegen regel­mäßig ins Leere laufen, hören sie irgend­wann auf, sie über­haupt noch einzu­bringen.“

Barbara: „Was bedeutet das für dich als Führungs­kraft? Du gibst gerade selbst Verant­wor­tung ab.“

Dagmar: „Es ist ein persön­li­cher Lern­pro­zess. Ich komme aus einem Umfeld, das von Krisen­ma­nage­ment und perma­nentem Kosten­druck geprägt war. Viele Jahre habe ich sehr klar und konse­quent geführt, weil ich das damals für notwendig gehalten habe. Viel­leicht würde ich heute manches anders machen. Aber diese Muster verschwinden nicht einfach. Man fällt manchmal wieder in sie zurück.“

Barbara: „Und dann?“

Dagmar: „Dann bekomme ich sofort eine Rück­mel­dung. Meine Mitar­bei­tenden sagen mir, ‘Dagmar, nein, das passt so nicht.’ Und genau das freut mich. Es zeigt mir, dass wir auf dem rich­tigen Weg sind.
Dann gehe ich in die nächste Team­sit­zung und sage: ‘Das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid.’ Solche Dinge muss man vor dem ganzen Team trans­pa­rent machen – nicht aus Selbst­an­klage, sondern weil alle daran lernen können. Die anderen sehen, dass Fehler ange­spro­chen werden dürfen. Und ich lerne genauso mit.“

Barbara: „Ich kenne dieses Gefühl. Auch ich habe eine Phase erlebt, in der ich gemerkt habe, wie tief hier­ar­chi­sche Muster sitzen – selbst wenn man es eigent­lich anders machen möchte. Sie tauchen einfach wieder auf. Umso wert­voller ist es, Menschen um sich zu haben, die einem das spie­geln. Was macht das mit dem Selbst­bild als Führungs­kraft?“

Dagmar: „Das verän­dert schon etwas. Viele stellen sich die Frage: ‘Was bin ich noch wert, wenn ich diese Rolle nicht mehr oder anders ausfülle?’ Das ist eine ganz reale Verun­si­che­rung. Für mich persön­lich fühlt es sich anders an. Ich empfinde es gleich­zeitig als entspan­nend und span­nend, Verant­wor­tung zu teilen. Aber ich kann gut nach­voll­ziehen, dass dieser Schritt bei anderen auch Ängste auslöst.
Wenn du diesen Weg nicht wirk­lich mitträgst, wird es schwierig. Wenn du in entschei­denden Momenten immer wieder auto­ritär eingreifst, unter­gräbst du genau das System, das du aufbauen möch­test. Die Mitar­bei­tenden ziehen sich zurück, weil sie merken: Am Ende entscheidet doch wieder die Führungs­kraft. Und dann geht genau das verloren, was du eigent­lich fördern woll­test. Und du verlierst deine Glaub­wür­dig­keit!“

Und hier kommt mir ein Modell in den Sinn, das ich immer wieder verwende, wenn ich mit Orga­ni­sa­tionen über Verän­de­rung spreche. Es beschreibt sehr gut, warum Dagmars Ansatz aus meiner Sicht funk­tio­niert.

Was macht eine resi­li­ente Orga­ni­sa­tion aus?

Im Buch Moving Orga­niza­tions beschreiben wir vier Quali­täten orga­ni­sa­tio­naler Resi­lienz, die eine Orga­ni­sa­tion braucht, um lang­fristig lebens­fähig zu bleiben:

  • Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit, Anpas­sungs­fä­hig­keit, Stabi­li­sie­rung und Leis­tungs­fä­hig­keit.

Oft wird Agilität mit dem Verzicht auf Effi­zienz oder klare Prozesse verwech­selt. Dabei ist eher das Gegen­teil der Fall: Eine Orga­ni­sa­tion, die ihre Kern­pro­zesse gut orga­ni­siert hat, schafft Frei­räume für Lernen, Inno­va­tion und Verän­de­rung. Sie muss weniger Energie für Abstim­mung und Reibungs­ver­luste aufwenden – und hat dadurch mehr Kraft für das, was wirk­lich zählt. Gleich­zeitig wird sie wider­stands­fä­higer, wenn sich die Rahmen­be­din­gungen verän­dern.

Genau das wird in Dagmars Geschichte sichtbar: Erst durch klare Rollen, verbind­liche Formate und gemein­same Routinen entsteht der Frei­raum, in dem Selbst­or­ga­ni­sa­tion tatsäch­lich funk­tio­nieren kann.

Barbara: „Du hast das ohne großes externes Bera­tungs­budget gemacht. Wie?“

Dagmar: „Ich glaube, du brauchst Menschen in der Orga­ni­sa­tion, die ein solides Basis­wissen im Bereich Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung haben. Ohne das würde ich es schwierig finden, sich alleine auf den Weg zu machen. Und dann musst du wirk­lich in die Tiefe gehen, dich fort­bilden und das Gelernte auch konse­quent umsetzen. Ich habe sehr viele Fort­bil­dungen gemacht und versucht, dieses Wissen Schritt für Schritt in unsere Orga­ni­sa­tion zu über­tragen. Und ich würde diesen Weg nicht alleine gehen wollen. Ich habe ein Team, das ihn mitträgt. Du brauchst in einer Orga­ni­sa­tion mit hundert Mitar­bei­tenden mindes­tens drei oder vier Menschen, die wirk­lich dahin­ter­stehen und auch etwas von Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung verstehen.“

Barbara: „Was würdest Du Dir noch wünschen?“

Dagmar: „Ehrlich gesagt: ein Spar­ring mit jemandem, der wirk­lich tief in dem Thema steckt. Also nicht nur Unter­stüt­zung von innen, sondern auch einen Außen­blick. Jemanden, der eine andere Perspek­tive einbringt und hilft zu reflek­tieren, ob man auf dem rich­tigen Weg ist. Das halte ich für unglaub­lich wert­voll.“

Barbara: „Wohin geht die Reise noch?“

Dagmar: „Ich wünsche mir, dass wir nach ein bis zwei Jahren wirk­lich so weit sind, dass Führungs­auf­gaben in die Teams über­gehen. Dass jemand eine Rolle über­nimmt und damit auch die Entschei­dungs­be­fugnis hat. Nicht nur Stan­dard­rollen, sondern wirk­lich: Ich lasse als Führungs­kraft Verant­wor­tung los. So wie ich jetzt mein Budget abgebe und es im nächsten Jahr hoffent­lich von einer Mitar­bei­terin verant­wortet wird. Und dass ich dann bewusst nicht mehr eingreife.
Ich gehe in drei Jahren in Pension. Es werden noch zwei weitere Führungs­kräfte nach mir gehen. Und die Frage ist: Sind wir bis dahin so aufge­stellt, dass die Teams wirk­lich selbst­or­ga­ni­siert arbeiten? Das ist der Hori­zont, auf den ich hinar­beite. Dass das System auch dann trägt, wenn wir nicht mehr da sind. Das wäre mein Wunsch.“

Barbara: „Was möch­test Du denen mitgeben, die sich auf einen ähnli­chen Weg machen wollen?“

Dagmar: „Einfach auspro­bieren. Sich darauf einlassen und selbst erleben, was passiert. Und dann konse­quent dran­bleiben. Ich bin jemand, der ein Thema nicht gleich wieder loslässt. Wenn ich über­zeugt bin, möchte ich wissen, ob es wirk­lich funk­tio­niert. Aber nicht um jeden Preis. Wenn ich merken würde, dass wir dadurch wert­volle Mitar­bei­tende verlieren, müsste ich einen Schritt zurück­gehen. Und dann noch das: Es macht Spaß, Menschen und Orga­ni­sa­tionen zu entwi­ckeln und zu sehen, was dabei entsteht. Durch diese Refle­xi­ons­schleifen, die wir früher in dieser Form nicht hatten, entwi­ckelt sich so viel. Das faszi­niert mich und macht mir Freude.“

Die Inter­view-Part­ne­rinnen

Das Gespräch führte Barbara Buza­nich-Pöltl. Sie begleitet Orga­ni­sa­tionen auf ihrem Weg zu mehr Resi­lienz und agiler Spiel­fä­hig­keit und hat Dagmar Fischnaller auf Teilen ihrer Reise als Lern­be­glei­terin begleitet.

Barbara Buza­nich-Pöltl ist Bera­terin und Equity Part­nerin bei Neuwaldegg, außerdem Programm­lei­terin von Moving Leader­ship, Neuwald­egger Frei­raum und Gender Equa­lity Lab sowie Co-Programm­lei­terin des Change Campus. Außerdem ist sie Keynote-Spea­kerin. Neben ihrem Herzens­thema Gender Equa­lity bewegen sie vor allem die Themen Agile Orga­ni­sa­tion und Agile Trans­for­ma­tion. Dazu hat sie auch mit Frank Boos das Buch „Moving Orga­niza­tions“ geschrieben.

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Orga­ni­sa­tionen in Bewe­gung bringen

Wie Sie sich durch agile Trans­for­ma­tion krisen­fest aufstellen – darum geht’s auch in der 2. Auflage dieses Stan­dard­werks für gelin­gende Verän­de­rung. Erschienen 09.2025.
Ergänzt um Erfah­rungen aus der Bera­tungs­praxis und um Erkennt­nisse & Lear­nings der letzten fünf Jahre, z. B. gibt es einen neuen Hebel für wirk­same Trans­for­ma­tion.

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