Systemisches Arbeiten in der Praxis: Was es ist – und was nicht
Barbara Buzanich-Pöltl und Anna Jantscher über heiße Kartoffeln, triviale Maschinen und die Magie des Nicht-Wissens. Wer uns fragt, was systemisches Arbeiten eigentlich ist, bekommt von uns selten eine Definition. Meistens erzählen wir stattdessen eine Geschichte. Oder besser gesagt: mehrere. Denn systemisches Arbeiten lässt sich nicht in einem Satz erklären – aber es lässt sich zeigen, an echten Situationen, die viele kennen. An Momenten, wo die naheliegende Antwort eben nicht die hilfreiche war. Genau das wollen wir hier tun.
1. Fallbeispiel: „Der Fehler, über den niemand spricht“
Barbara: „Ich hatte kürzlich einen Vorbereitungstermin mit einem Geschäftsführer. In seiner Organisation war ein schwerwiegender Fehler passiert – einer, der nachhaltig Schaden anrichten wird. Und er war irritiert. Aber nicht wegen des Fehlers selbst. Sondern wegen dem, was danach passiert ist: nämlich gar nichts. Niemand hat etwas gesagt. Das Thema wurde vertuscht, umgangen, weggeschwiegen. Er hat zu mir gesagt: ‚Ich verstehe das nicht. Es wäre doch logisch, so etwas transparent zu machen – schon allein, damit die Organisation daraus lernen kann.‘“
Anna: „Und genau das ist so ein klassischer Moment, wo die erste, naheliegende Antwort wäre: ‚Okay, dann macht ihr euch jetzt gemeinsam aus, dass ihr in Zukunft Fehler offen ansprecht.‘ Klare Ansage, fertig. Nächstes Thema.„ ‚
Barbara: „Ja, und das wäre vielleicht sogar ein guter erster Schritt gewesen. Aber dann hätten wir eben nur an der Oberfläche gekratzt. Wir haben stattdessen gemeinsam mit dem Kernteam geschaut: Was könnten die Gründe sein, warum es in dem Moment, wo der Fehler aufgetaucht ist, nicht möglich war, ihn anzusprechen? Warum macht es – aus einer bestimmten Logik heraus – sogar Sinn, es eben nicht anzusprechen?“
Anna: „Und dann sind wir auf etwas gestoßen, das uns beide sehr berührt hat. In diesem Team hat Nähe einen unglaublich hohen Wert, Zusammenhalt, Loyalität, füreinander da sein. Und aus dieser Logik heraus – nicht aus Böswilligkeit, nicht aus Kalkül – war es für die Leute undenkbar, einen Fehler des Kollegen nach oben zu melden. Weil das bedeutet hätte: ‚Ich schwärze jemanden an. Ich falle jemandem in den Rücken.‘ “
Das Risiko, eine persönliche Beziehung zu beschädigen, war – in diesem Moment – subjektiv größer als das Risiko des nicht gemeldeten Fehlers.
Barbara: „Und genau da wird’s systemisch. Die Frage ist nicht: ‚Wer hat’s verbockt?‘, sondern: ‚Wie habt ihr das gemeinsam kreiert?‘ . Es geht also nicht um Fingerpointing, sondern um die Frage nach der Logik dahinter.“
Was es mit dem Phänomen der „heißen Kartoffel“ auf sich hat?
Barbara: „Was mich an diesem Fall noch so beschäftigt hat, war ein Moment im Kernteam-Meeting. Wir haben gesagt, das ist unser Thema heute – und ständig ist es uns weggerutscht. Das Thema war da, und dann war es plötzlich wieder weg. Irgendwer hat es zu jemanden anderem weitergespielt, und von dort ging es wieder weiter. Es wurde nicht greifbar.“
Anna: „Die heiße Kartoffel“
Barbara: „Ganz genau. Und du hast irgendwann kurz gestoppt und gefragt: ‚Was passiert hier gerade? Was ist die Funktion dieser „heißen Kartoffel„ ‚?“
Anna: „Das ist für mich eine der zentralsten Fragen im systemischen Arbeiten: ‚Was ist die Funktion von dem, wie es ist?‘ Nicht: Das ist falsch, das muss weg. Sondern: Es hat eine Logik. Es hat einen Sinn. Und solange ich den nicht verstehe, werde ich daran nichts verändern.“
Bei der heißen Kartoffel war die Funktion: Ich bleibe in Beziehung, ich halte Nähe aufrecht. Ich vermeide, dass jemand verletzt wird. Das ist alles andere als böse – das ist sogar sehr menschlich. Aber es hat eben auch einen Preis.
Barbara: „Es ist ein Kernprinzip systemischen Arbeitens: Raus dem Schwarz-Weiß-Denken zu gehen. Weg von, das ist falsch und das ist richtig. Sondern: Was ist das Dienliche daran? Warum macht dieses Verhalten, auch wenn es auf den ersten Blick irrational wirkt, aus einer bestimmten Perspektive absolut Sinn?“
Was ist systemisches Arbeiten – und was nicht?
An dieser Stelle kurz innehalten. Weil systemisches Arbeiten leider auch ein Buzzword geworden ist. Jede:r verwendet es, nicht alle meinen dasselbe.
Hier ist, was es für uns nicht ist:
- Mit einer Lösung kommen, bevor man das Problem wirklich verstanden hat
- Die schnelle erste Antwort als die einzige behandeln
- Werte auf ein Flipchart schreiben und glauben, damit ist die Sache erledigt
- Eine Person als alleinig verantwortlich für ein Problem machen
- Den Kontext ausblenden und so tun, als würden Menschen unabhängig davon agieren
- Glauben, dass man völlig objektiv ist und nicht durch „die eigene persönliche Brille“ auf etwas schaut
- Lineares Denken: A führt zu B. Immer. Linear. Fertig.
Und das Wichtigste am systemischen Arbeiten?
Anna: „Und das letzte ist vielleicht das Wichtigste. Wir nennen das manchmal den Unterschied zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen. Bei einer trivialen Maschine – einem Automaten zum Beispiel – wirfst du eine Münze rein und bekommst immer dasselbe raus. Menschen und Organisationen funktionieren so nicht. Da gibt es eine Eigenlogik, eine Blackbox. Und je nachdem, was gerade im System los ist, reagiert es völlig unterschiedlich auf denselben Impuls.“
Barbara: „Und genau deshalb gibt es auch nicht die EINE Lösung, die für alle Organisationen gleich passt. Kein Rezept, das man einfach ausrollen kann.“
2. Fallbeispiel: „Zeit für Mittagessen“ als Führungsthema
Anna: „Ein anderes Beispiel, das ich sehr mag, weil es vielleicht in der massiven Ausprägung für viele alarmierend oder schwer nachvollziehbar und gleichzeitig sehr real ist: In einer Organisation war das Thema, dass die Leute kaum Zeit hatten für ihre eigenen Grundbedürfnisse. Also wirklich, auf die Toilette zu gehen, in Ruhe zu essen, einen Kaffee zu trinken, die Familie zurückzurufen, kurz durchzuatmen.“
Barbara: „Und die logische Antwort wäre: ‚Blockt euch halt täglich eine halbe Stunde!‘ Dazu vielleicht die Empfehlung: einen Workshop zum Thema Work-Life-Balance, ein Training zu gesunder Führung.“
Anna: „Und wahrscheinlich hat so etwas in dem System auch schon stattgefunden. Grundlegende Verbesserungen sind aber ausgeblieben. Und dann ist die spannende Frage: Wofür steht die Thematik eigentlich noch?“
Barbara: „Könnte sein: Das System ist im Stress. Könnte aber auch sein, dass da eine implizite Botschaft mitschwingt – ich muss zeigen, wie engagiert ich bin. Ich darf keine Pause brauchen. Und plötzlich steckt da ganz viel mehr drin als ein Zeitmanagement-Problem.“
Anna: „Genau. Und da kommt für mich eine der wichtigsten systemischen Brillen ins Spiel: ‚Kontext prägt Verhalten‘. Ich kann nicht einfach bei der Person ansetzen und sagen, ’schau halt mehr auf dich‘, wenn der Kontext ein Verhalten produziert, das das verunmöglicht. Dann muss ich auf den Kontext schauen. Was erzeugt das? Was wäre der Preis, wenn sich das ändert? Was würde dann aufhören? Was würde verloren gehen?“
Barbara: „Dann ist da auch noch die Frage, die uns nicht gern gestellt wird – weil die Antwort manchmal unbequem ist: Wenn ich aufhöre, ständig erreichbar zu sein – bin ich dann noch ich? Bin ich dann noch die, die gebraucht wird?“
3. Fallbeispiel: Neue Führungskraft – alte Spielregeln
Anna: „Noch ein Beispiel, das mir wichtig ist. Eine Führungskraft kommt neu in ein Team – die anderen Teammitglieder sind alle seit fünf oder sogar zehn Jahren dabei. Und diese Führungskraft schlägt innerhalb weniger Wochen eine Reorganisation vor. Direkt, strukturiert, logisch. Kraft ihrer Funktion. ‚Ich bin Führungskraft, ich darf das entscheiden.‘“
Es entsteht massiver Widerstand.
Barbara: „Aus der Sicht der neuen Führungskraft: völlig unverständlich.“
Anna: „Aus systemischer Sicht: absolut nachvollziehbar. Weil es da ein Prinzip gibt, das oft übersehen wird – und das nichts mit Hierarchie zu tun hat. Wer länger im System ist, hat eine andere Stellung. Hat etwas aufgebaut, geleistet, gehalten. Das braucht Anerkennung, bevor jemand Neues aktiv gestalten kann.“
Wenn ich als Letzte dazukomme und sofort umstrukturiere, ohne das Bestehende, Geleistete zu würdigen – dann verletze ich etwas, nicht absichtlich, aber ich tue es trotzdem.
Barbara: „Und das Schöne an der Arbeit mit der Führungskraft war, was diese Erkenntnis ausgelöst hat. Ein echter Aha-Moment: ‚Jetzt verstehe ich das. Ich bin als Letzte dazugestoßen und habe nicht wahrgenommen, was vor mir schon da war.‘ Das war nicht selbstanklagend – sondern heilsam. Entlastend. Es hat Sinn ergeben.“
Wie man Polaritäten aushält? Zwischen Effizienz und Menschlichkeit …
Barbara: „Noch ein Phänomen, das uns immer wieder begegnet – in ganz unterschiedlichen Organisationen: Es gibt die Effizienzseite und es gibt die Menschlichkeitsseite. Beide sind wichtig, beide haben recht. Und trotzdem fühlt es sich oft an wie zwei Lager.“
Anna: „Weil in dem Moment, wo das eine laut wird, reagiert das andere. Fast unweigerlich. Und dann wird aus einer inhaltlichen Frage schnell ein Konflikt. Weil die Menschen auf der Effizienzseite das Engagement in Frage stellen. Und die Menschen auf der Menschlichkeitsseite die Kälte fürchten.“
Barbara: „Was wir dann versuchen? Nicht mehr Druck auf eine Seite. Sondern verstehen, was hinter der Reaktion steckt. Was bedeutet Effizienz für diese Organisation? Was assoziieren sie damit? Oft ist es: Distanz, Kälte, ich bin austauschbar. Und solange diese Assoziation da ist, wird jede Effizienzmaßnahme Widerstand erzeugen.“
Anna: „Wenn ich das aber verstehe – dann muss ich nicht mehr mit Macht oder Druck agieren. Dann kann ich in ein echtes Verstehen gehen. Und aus Verstehen entsteht meistens Kooperation. Und aus Kooperation entsteht Bewegung. Das ist langsamer als ein Machtwort. Aber es ist nachhaltiger.“
Barbara: „Wir haben einmal jemanden sagen hören: ‚Die Workshops, die man vorher nicht macht, macht man nachher.‘ Das trifft es. Man kann Themen verschieben. Sie kommen trotzdem, holen einen ein.“
Was systemisches Arbeiten in uns auslöst?
Zum Schluss noch ein persönlicher Blick. Wir haben uns gefragt: „Was beschäftigt uns selbst gerade im systemischen Arbeiten?“
Anna: „Mich beschäftigt die Frage des Fokus. Also: Wo schaue ich hin – und was entsteht dadurch? Dieser Gedanke, dass meine Art zu beobachten schon etwas im System verändert. Welche Sprache ich wähle, welches Tempo ich einschlage, welches Angebot ich mache – das alles ist nicht neutral. Und je mehr ich das spüre, desto mehr sehe ich meinen eigenen Part darin. Früher habe ich gedacht, der andere muss ‚ready‘ sein. Heute frage ich mich viel öfter: ‚Wie muss ich da sein?‘ “
Barbara: „Für mich ist es gerade so eine Frage des … Staunens vielleicht, mein Gegenüber – ein Team, eine Organisation – als Wunder zu begreifen. Mit allem, was gerade da ist, nicht als Mechanismus, den ich optimieren soll, sondern als etwas, das eine eigene Intelligenz hat. Und das verändert, wie ich in den Raum gehe, wie ich zuhöre, was möglich wird.“
Anna: „Das klingt vielleicht groß. Aber ich erlebe es als sehr konkret, als eine Art Geschenk. Wenn jemand wirklich gesehen wird – in dem, was sie gerade tragen, in der Logik, die ihr Verhalten hat – dann verändert das etwas. Nicht weil man die Lösung bringt, sondern weil man den Raum hält, in dem etwas sichtbar werden kann.“
Barbara: „Ich bin keine Zauberin. Das sage ich wirklich gern. Ich kann nicht garantieren, dass am Ende alles gut wird. Aber ich kann begleiten. Ich kann ringen. Ich kann dranbleiben. Und ich kann glauben – wirklich glauben –, dass in diesem System das Potenzial steckt, den nächsten Schritt zu machen.“
Was also ist systemisches Arbeiten?
- Es ist die Bereitschaft, hinter das Offensichtliche zu schauen.
- Es ist die Frage: „Warum macht das, was hier passiert, aus einer bestimmten Logik heraus absolut Sinn?“
- Es ist Respekt vor der Komplexität. Die Überzeugung, dass wenn die einfache Lösung funktionieren würde, die Menschen sie längst gefunden hätten.
- Es ist das Aushalten von Polaritäten, statt sie aufzulösen.
- Es ist Anschlussfähigkeit – nicht als Technik, sondern als Haltung. Den anderen wirklich dort abholen, wo er gerade steht.
- Und es ist, wenn es gut geht, dieser Moment, in dem jemand sagt: „Das ist voll am Punkt. Das haben wir so noch nie am Tisch gehabt.“
Über die Autor:innen
Barbara Buzanich-Pöltl und Anna Jantscher sind Beraterinnen bei der Beratergruppe Neuwaldegg und begleiten Organisationen und Führungskräfte in komplexen Veränderungsprozessen. Systemisches Arbeiten ist für sie keine Methode – sondern eine Haltung.
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