Wenn die Coach in den Spiegel schaut
Über blinde Flecken und Parallelprozesse im Coaching
Ich sitze einer Coaching-Kundin gegenüber und mir ist es glasklar, worum es bei ihr geht und welche Entscheidung hier auf der Hand liegt:
„Sofort die Reißleine ziehen!“ Die Körpersignale sind eindeutig und jeder, der es gut mit ihr meint, würde ihr sagen, dass sie selbst jetzt wichtiger ist als der Job und sie sich hier nicht weiter durchquälen darf. Seit Monaten nicht mehr schlafen können – anderswo nennt man das Folter. Auch ihre Ärzte sagen, das Einzige, was jetzt wirklich hilft, ist drei Monate ganz rauszugehen – Insel, Erholung, Nix tun.
Sie sagt mir, dass sie das versteht und das es sicher stimmt, aber dass sie jetzt einfach nicht weg kann. Sie hat den Eigentümern zugesagt, dass sie den Geschäftsführungs-Vertrag erfüllen wird. Und außer ihr kann niemand die Aufgaben bewältigen, die jetzt anstehen. Im Vergleich zu ihren Kollegen schafft sie in der Firma in derselben Zeit das Zehnfache weg. Das kann man nicht mal eben ersetzen. Sie würde gern die Reißleine ziehen, aber jetzt geht es noch nicht.
Überlebensmuster aus der Kindheit
Ich verlasse meine „neutrale Rolle“ als Coach und sage ihr, wie sehr es mich berührt, ihr zuzuhören. Und wenn sie gerade auf meinem Stuhl sitzen würde und dieser Frau zuhören, dann würde es ihr vermutlich genauso gehen.
Es berührt mich, wie stark innere Überzeugungssysteme sind, die wir bei unserem Start ins Leben ausgebildet haben – um zu überleben. Die Strategien, die ein Kind entwickelt, um in seinem Kontext gut existieren zu können:
Muss ich hier stark sein, oder besonders unabhängig und unbedürftig?
Muss ich hier Bestleistung zeigen oder möglichst anpassungsfähig sein, damit ich anerkannt und geliebt werde?
Muss ich hier besonders laut oder besonders still sein?
Diese Strategien helfen uns auch in schwierigen Kontexten aufzuwachsen. Zum Glück können wir das als Kinder – uns solche Strategien zulegen.
Meist behalten wir sie bei – auch wenn wir schon erwachsen sind. Wir folgen unbewusst der inneren Überzeugung einfach weiter (auch wenn sie uns nun eher in die Quere kommt).
In diesem Gespräch höre ich neben anderen Überzeugungen auch das Thema „Wert“ heraus: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich leiste.“
Was mich berührt, ist die Kraft dieser inneren Maschine. Obwohl der Verstand schon verstanden hat, was mir nicht gut tut und was ich eigentlich brauche, fährt die innere Maschine ungerührt weiter: „Ich kann jetzt nicht raus!“ Auch wenn dabei die Gesundheit und damit manchmal das Leben auf dem Spiel stehen.
Der Blick in den eigenen Spiegel
Es berührt mich auch, weil ich gerade in einen Spiegel schaue. Das, was mir bei anderen so klar erscheint und was in mir so viel Mitgefühl für mein Gegenüber entstehen lässt – dafür bin ich bei mir selbst entweder blind oder ich verstehe die Einbahnstraße, in der ich bin – aber ich bin unfähig zu wenden und in eine gesündere Richtung zu fahren.
- „Ja, aber ich habe es zugesagt!“
- „Ja, aber da hängen so viele Leute dran.“
- „Ja, aber diesen Workshop braucht es eben genau jetzt.“
… das sind Erklärungen, die aus meiner inneren Maschine kommen und die begründen, warum ich trotz Krankheit oder starken Schmerzen nicht absagen kann.
Ich habe im Moment einfach nur Glück, dass ich auf dem Coach-Stuhl sitze, dort wo die Sicht nicht vernebelt ist.
Würden wir jetzt die Stühle wechseln und meine Kundin wäre mein Coach – für sie wäre es vermutlich auch glasklar, dass ich wichtiger bin und dass meine Kundinnen und Kunden nichts von einer Beraterin haben, die sich mit Schmerzmitteln zum „Funktionieren“ gebracht hat. Genauso wenig wie die Kollegen etwas von einer Geschäftsführerin haben, die durch extremen Schlafentzug seit Monaten ein reines Nervenbündel ist.
So funktionieren Überzeugungssysteme und in diesem Coaching ist es für mich wieder prototypisch sichtbar geworden.
Warum ich das hier schreibe? Ist ja nicht besonders schick, so etwas über sich als Coach zu verraten, oder?
Ich finde schon!
Wir alle haben innere Überzeugungssysteme und im Coaching kann ich sie nicht nur bei meinem Gegenüber erkennen. Oft schaue ich dabei auch in einen Spiegel. Je bewusster mir mein eigenes „Betriebssystem“ ist und je bewusster ich daran arbeite, es Schritt für Schritt zu lösen und zu verändern, umso hilfreicher bin ich als Coach (und auch als Führungskraft).
Was diese Spiegelung für mein Coaching bedeutet
Diese Erkenntnis verändert den Coaching-Prozess fundamental. Ich teile meine Beobachtung vorsichtig mit meiner Kundin – nicht meine persönliche Geschichte, sondern das Muster, das ich erkenne: „Mir fällt auf, dass Sie sehr klar sehen können, was andere in Ihrer Situation bräuchten. Gleichzeitig scheint es einen inneren Autopiloten zu geben, der stärker ist als Ihr Verstand.“
Plötzlich entspannt sich etwas in ihrem Gesicht. „Ja, genau! Es ist, als würde ich von außen auf mich schauen und denken: ‚Bist du verrückt?‘ Aber gleichzeitig kann ich einfach nicht anders.“
Parallelprozesse nutzen statt verstecken
In der systemischen Arbeit nennen wir das Parallelprozesse – was zwischen Klientin und Coach geschieht, spiegelt oft das wider, was die Klientin in ihrem System erlebt. Statt diese Dynamik zu verstecken, kann ich sie als wertvolle Information nutzen.
Meine eigene Betroffenheit wird zur Ressource: Weil ich das Muster kenne, kann ich authentisch nachfragen, ohne zu urteilen. Ich kenne die Kraft der inneren Stimme, die sagt: „Du darfst nicht enttäuschen.“
Der Mut zur eigenen Imperfektion
Als Coach perfekt erscheinen zu wollen, wäre kontraproduktiv. Menschen brauchen keine unfehlbaren Beraterinnen – sie brauchen jemanden, der ihre menschlichen Dilemmata versteht und gleichzeitig den Mut hat, liebevoll zu konfrontieren.
Meine Kundin verlässt das Coaching nicht mit der Lösung ihres Problems, aber mit einem neuen Bewusstsein für ihre inneren Mechanismen. Und ich gehe mit der Erinnerung nach Hause, bei meinem nächsten „Ja, aber…“ innezuhalten und zu fragen: „Wessen Stimme ist das eigentlich?“
Systemische Veränderung braucht Zeit
Überzeugungssysteme ändern sich nicht durch Einsicht allein. Sie brauchen neue Erfahrungen, kleine Experimente und die Bereitschaft, mit der Angst vor Enttäuschung und Ablehnung zu tanzen. Als Coach kann ich diesen Prozess nur glaubwürdig begleiten, wenn ich ihn selbst lebe.
Vielleicht ist das der wahre Wert von Coaching: Nicht die schlauen Ratschläge, sondern der gemeinsame Mut, sich den eigenen Mustern zu stellen – und sie Schritt für Schritt zu verwandeln.
Über die Autorin
Franziska Fink arbeitet als systemische Unternehmensberaterin und als Coach und leitet unseren Neuwaldegger Coaching Campus. In der intensiven Ausbildung lernen Führungskräfte, Beratende und Expert:innen bei ihr die Kunst des systemischen Coachings im Business Kontext. Dazu gehört, sich als Lehrtrainerin über die Schulter schauen zu lassen – so wie in diesem Blogpost. „Coaching ist ein Vollkontakt-Sport“, sagt Franziska. Zwei Menschen gehen in echten Kontakt und gemeinsam auf die Reise. Wenn sich dabei nicht auf beiden Seiten etwas bewegt, dann war‘s wohl kein Coaching. 😉
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