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Foto: Alex­an­der’­Chitsazan

Wenn die Coach in den Spiegel schaut

Über blinde Flecken und Paral­lel­pro­zesse im Coaching

Ich sitze einer Coaching-Kundin gegen­über und mir ist es glas­klar, worum es bei ihr geht und welche Entschei­dung hier auf der Hand liegt:

„Sofort die Reiß­leine ziehen!“ Die Körper­si­gnale sind eindeutig und jeder, der es gut mit ihr meint, würde ihr sagen, dass sie selbst jetzt wich­tiger ist als der Job und sie sich hier nicht weiter durch­quälen darf. Seit Monaten nicht mehr schlafen können – anderswo nennt man das Folter. Auch ihre Ärzte sagen, das Einzige, was jetzt wirk­lich hilft, ist drei Monate ganz raus­zu­gehen – Insel, Erho­lung, Nix tun.

Sie sagt mir, dass sie das versteht und das es sicher stimmt, aber dass sie jetzt einfach nicht weg kann. Sie hat den Eigen­tü­mern zuge­sagt, dass sie den Geschäfts­füh­rungs-Vertrag erfüllen wird. Und außer ihr kann niemand die Aufgaben bewäl­tigen, die jetzt anstehen. Im Vergleich zu ihren Kollegen schafft sie in der Firma in derselben Zeit das Zehn­fache weg. Das kann man nicht mal eben ersetzen. Sie würde gern die Reiß­leine ziehen, aber jetzt geht es noch nicht.

Über­le­bens­muster aus der Kind­heit

Ich verlasse meine „neutrale Rolle“ als Coach und sage ihr, wie sehr es mich berührt, ihr zuzu­hören. Und wenn sie gerade auf meinem Stuhl sitzen würde und dieser Frau zuhören, dann würde es ihr vermut­lich genauso gehen.
Es berührt mich, wie stark innere Über­zeu­gungs­sys­teme sind, die wir bei unserem Start ins Leben ausge­bildet haben – um zu über­leben. Die Stra­te­gien, die ein Kind entwi­ckelt, um in seinem Kontext gut exis­tieren zu können:
Muss ich hier stark sein, oder beson­ders unab­hängig und unbe­dürftig?
Muss ich hier Best­leis­tung zeigen oder möglichst anpas­sungs­fähig sein, damit ich aner­kannt und geliebt werde?
Muss ich hier beson­ders laut oder beson­ders still sein?

Diese Stra­te­gien helfen uns auch in schwie­rigen Kontexten aufzu­wachsen. Zum Glück können wir das als Kinder – uns solche Stra­te­gien zulegen.
Meist behalten wir sie bei – auch wenn wir schon erwachsen sind. Wir folgen unbe­wusst der inneren Über­zeu­gung einfach weiter (auch wenn sie uns nun eher in die Quere kommt).

In diesem Gespräch höre ich neben anderen Über­zeu­gungen auch das Thema „Wert“ heraus: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich leiste.“
Was mich berührt, ist die Kraft dieser inneren Maschine. Obwohl der Verstand schon verstanden hat, was mir nicht gut tut und was ich eigent­lich brauche, fährt die innere Maschine unge­rührt weiter: „Ich kann jetzt nicht raus!“ Auch wenn dabei die Gesund­heit und damit manchmal das Leben auf dem Spiel stehen.

Der Blick in den eigenen Spiegel

Es berührt mich auch, weil ich gerade in einen Spiegel schaue. Das, was mir bei anderen so klar erscheint und was in mir so viel Mitge­fühl für mein Gegen­über entstehen lässt – dafür bin ich bei mir selbst entweder blind oder ich verstehe die Einbahn­straße, in der ich bin – aber ich bin unfähig zu wenden und in eine gesün­dere Rich­tung zu fahren.

  • „Ja, aber ich habe es zuge­sagt!“
  • „Ja, aber da hängen so viele Leute dran.“
  • „Ja, aber diesen Work­shop braucht es eben genau jetzt.“

… das sind Erklä­rungen, die aus meiner inneren Maschine kommen und die begründen, warum ich trotz Krank­heit oder starken Schmerzen nicht absagen kann.

Ich habe im Moment einfach nur Glück, dass ich auf dem Coach-Stuhl sitze, dort wo die Sicht nicht verne­belt ist.
Würden wir jetzt die Stühle wech­seln und meine Kundin wäre mein Coach – für sie wäre es vermut­lich auch glas­klar, dass ich wich­tiger bin und dass meine Kundinnen und Kunden nichts von einer Bera­terin haben, die sich mit Schmerz­mit­teln zum „Funk­tio­nieren“ gebracht hat. Genauso wenig wie die Kollegen etwas von einer Geschäfts­füh­rerin haben, die durch extremen Schlaf­entzug seit Monaten ein reines Nerven­bündel ist.

So funk­tio­nieren Über­zeu­gungs­sys­teme und in diesem Coaching ist es für mich wieder proto­ty­pisch sichtbar geworden. 
Warum ich das hier schreibe? Ist ja nicht beson­ders schick, so etwas über sich als Coach zu verraten, oder?

Ich finde schon!

Wir alle haben innere Über­zeu­gungs­sys­teme und im Coaching kann ich sie nicht nur bei meinem Gegen­über erkennen. Oft schaue ich dabei auch in einen Spiegel. Je bewusster mir mein eigenes „Betriebs­system“ ist und je bewusster ich daran arbeite, es Schritt für Schritt zu lösen und zu verän­dern, umso hilf­rei­cher bin ich als Coach (und auch als Führungs­kraft).

Was diese Spie­ge­lung für mein Coaching bedeutet

Diese Erkenntnis verän­dert den Coaching-Prozess funda­mental. Ich teile meine Beob­ach­tung vorsichtig mit meiner Kundin – nicht meine persön­liche Geschichte, sondern das Muster, das ich erkenne: „Mir fällt auf, dass Sie sehr klar sehen können, was andere in Ihrer Situa­tion bräuchten. Gleich­zeitig scheint es einen inneren Auto­pi­loten zu geben, der stärker ist als Ihr Verstand.“

Plötz­lich entspannt sich etwas in ihrem Gesicht. „Ja, genau! Es ist, als würde ich von außen auf mich schauen und denken: ‚Bist du verrückt?‘ Aber gleich­zeitig kann ich einfach nicht anders.“

Paral­lel­pro­zesse nutzen statt verste­cken

In der syste­mi­schen Arbeit nennen wir das Paral­lel­pro­zesse – was zwischen Klientin und Coach geschieht, spie­gelt oft das wider, was die Klientin in ihrem System erlebt. Statt diese Dynamik zu verste­cken, kann ich sie als wert­volle Infor­ma­tion nutzen.

Meine eigene Betrof­fen­heit wird zur Ressource: Weil ich das Muster kenne, kann ich authen­tisch nach­fragen, ohne zu urteilen. Ich kenne die Kraft der inneren Stimme, die sagt: „Du darfst nicht enttäu­schen.“

Der Mut zur eigenen Imper­fek­tion

Als Coach perfekt erscheinen zu wollen, wäre kontra­pro­duktiv. Menschen brau­chen keine unfehl­baren Bera­te­rinnen – sie brau­chen jemanden, der ihre mensch­li­chen Dilem­mata versteht und gleich­zeitig den Mut hat, liebe­voll zu konfron­tieren.

Meine Kundin verlässt das Coaching nicht mit der Lösung ihres Problems, aber mit einem neuen Bewusst­sein für ihre inneren Mecha­nismen. Und ich gehe mit der Erin­ne­rung nach Hause, bei meinem nächsten „Ja, aber…“ inne­zu­halten und zu fragen: „Wessen Stimme ist das eigent­lich?“

Syste­mi­sche Verän­de­rung braucht Zeit

Über­zeu­gungs­sys­teme ändern sich nicht durch Einsicht allein. Sie brau­chen neue Erfah­rungen, kleine Expe­ri­mente und die Bereit­schaft, mit der Angst vor Enttäu­schung und Ableh­nung zu tanzen. Als Coach kann ich diesen Prozess nur glaub­würdig begleiten, wenn ich ihn selbst lebe.

Viel­leicht ist das der wahre Wert von Coaching: Nicht die schlauen Ratschläge, sondern der gemein­same Mut, sich den eigenen Mustern zu stellen – und sie Schritt für Schritt zu verwan­deln.

Über die Autorin

Fran­ziska Fink arbeitet als syste­mi­sche Unter­neh­mens­be­ra­terin und als Coach und leitet unseren Neuwald­egger Coaching Campus. In der inten­siven Ausbil­dung lernen Führungs­kräfte, Bera­tende und Expert:innen bei ihr die Kunst des syste­mi­schen Coachings im Busi­ness Kontext. Dazu gehört, sich als Lehr­trai­nerin über die Schulter schauen zu lassen – so wie in diesem Blog­post. „Coaching ist ein Voll­kon­takt-Sport“, sagt Fran­ziska. Zwei Menschen gehen in echten Kontakt und gemeinsam auf die Reise. Wenn sich dabei nicht auf beiden Seiten etwas bewegt, dann war‘s wohl kein Coaching. 😉

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