Was passiert, wenn ein Team drei Tage innehält – ein ehrlicher Einblick
Ich bin vor kurzem zum zweiten Mal vom „Warm Data Lab*“ zurückgekommen. Wieder tief berührt. Wieder mit mehr Fragen als Antworten. Und wieder mit dem Gefühl: Es steckt so viel mehr in allem. Nora Bateson nennt das „it is not just like that.“ Kein Moment existiert isoliert. Alles ist eingebettet: in Beziehungen, in Kontexte, in Geschichten, die weit über den sichtbaren Augenblick hinausgehen. Und je mehr ich dieses Denken in mich aufnehme, desto mehr verändert es, wie ich beobachte, wie ich zuhöre, wie ich mit Wildheit und Unwissen umgehe.
Und dann ist da noch ein Zitat von ihr, das mich gerade besonders beschäftigt:
„There will be no community without first communing.“ (Nora Bateson)
Communing. Nicht einfach dabei sein. Sondern wirklich in Verbindung gehen. Sich zeigen. Sich einbringen in der Vielfalt.
Ich musste das „Warm Data Lab“ diesmal aus privaten Gründen früher verlassen. Das war keine leichte Entscheidung und eine absolute Ausnahme für mich. Aber was danach passiert ist, hat mich etwas Wichtiges gelehrt.
Ich habe geteilt, warum ich gehe, vor 100 Menschen. Mit dem Schmerz des früheren Gehens und der Erklärung dazu. Ich war seitdem bei allen virtuellen Follow-ups, und ich komme zu den nächsten. Nicht weil ich müsste, sondern weil ich verstanden habe: Dieses Lernen, wie wir uns in einer komplexen Welt bewegen können, braucht eine Community, die ähnliche Denkansätze miteinander vertieft. Und dafür brauche ich genau diese Community.
Beim ersten „Warm Data Lab“ war ich danach mit mir alleine. Diesmal bin ich mit all diesen Erfahrungen connected und mit all diesen Menschen. Das Verpasste ist kein Verpasstes. Es ist der Anfang von noch mehr Nähe.
Und das beschäftigt mich. Nicht nur persönlich, sondern auch im Kontext von Teams, von Change, von Organisationen. Aus professioneller Distanz, von der Metaebene oder der Ferne klappt tiefgehendes Lernen und Veränderung nicht. Es braucht das miteinander Erleben und dann vielleicht noch das gemeinsame „Daraufschauen“, um miteinander zu lernen.
Mit diesem Gefühl im Gepäck bin ich in unsere März-Team-Tage gegangen. Und genau deshalb möchte ich heute tiefer teilen als sonst. Und auch wenn es lang erscheint, wenige Worte reichen hier diesmal nicht aus und ich habe mich dazu entschieden, Euch dies zuzumuten ;).
Zuerst: Ankommen. Wirklich ankommen.
Die erste Stunde dieser Tage ist nur dafür da, nachzufragen, was in den Leben unserer Kolleg:innen gerade los ist, wie die Wochenenden waren, was mit den Kids los ist, welche Themen einen gerade beschäftigen – beruflich, persönlich, innerlich. Wo bereiten lustvolle Momente Freude und welche Schwierigkeiten zehren gerade besonders?
Ich kenne dieses Format. Ich weiß, was es soll. Und trotzdem überrascht es mich jedes Mal wieder, was es in mir auslöst, wenn ich wirklich darin ankomme.
Es ist diese Langsamkeit. Man muss sie sich zuerst ein bisschen erkämpfen, weil der Impuls da ist: Kommen wir zum Inhalt. Wir haben so viel zu besprechen. Aber dann – wenn man wirklich zuhört, wenn das Spekulieren der Anderen etwas in einem selbst öffnet, passiert etwas. Man fühlt sich gesehen, auch ohne alles gesagt zu haben.
Im „Warm Data Lab“ habe ich gelernt: Nicht sofort „draufhüpfen“. Nicht alles in der Sekunde klären wollen – lieber beobachten, laufen lassen. Das Indirekte als Qualität erkennen, nicht als Schwäche. Und genau das spüre ich in dieser ersten Stunde. Wie gut es tut, in diese Langsamkeit zu kommen, sich Zeit füreinander zu nehmen ohne Agenda.
Und was mich jedes Mal neu berührt: Wie stark das danach wirkt! Im Miteinander wird es leichter, lustiger, entspannter. Man drückt eher ein Auge zu. Diese eine Stunde verändert die Qualität aller Stunden danach.
Das ist communing. Bevor die Community arbeiten kann.
Learning für mich – und vielleicht auch für Sie:
Inhalte brauchen einen Boden. Und dieser Boden ist Verbindung. Nicht als ein „Nice-to-have“, sondern als Grundlage für alles, was danach kommt. Und manchmal ist die langsamste Stunde die wirksamste.
Dann: Loslassen. Über die Schwelle gehen. Ankommen.
Wir haben ein wunderschönes neues Büro. Und es ist so viel mehr als ein Umzug. Es ist ein Aufbruch. Für uns als Team, als Organisation, als Menschen, die miteinander in einer sich schnell verändernden Welt navigieren.
Lorenz & Anna, unsere großartigen, raumhaltenden Flourisher für diese drei Tage, haben dafür drei Sequenzen gestaltet. Und was mich im Nachhinein noch immer beschäftigt: Wie sorgfältig diese drei Bewegungen auseinandergenommen wurden.
Loslassen. Die Schwelle übertreten. Ankommen.
Drei Gruppen. Jede hat sich einer dieser Bewegungen wirklich gewidmet. Was bedeutet es wirklich loszulassen? Was passiert genau in dem Moment wo man eine Schwelle übertritt? Und was braucht es, um wirklich anzukommen, nicht nur physisch sondern innerlich?
Es geht hier um drei grundlegend verschiedene Bewegungen. Oft werden sie in Change-Prozessen zu einem einzigen Moment zusammengeschmolzen. „Wir gehen jetzt in die Veränderung.“ Und dann wundert man sich, warum manches nicht trägt, warum Menschen zwar dabei waren, aber irgendwie doch nicht ganz angekommen sind.
Jede Gruppe hat ihre Bewegung dann für alle erlebbar gemacht. Wir haben getrommelt, alte Gewohnheiten aufgeschrieben, zerknüllt und im Feuerofen verbrannt. Wir haben Schwellen gebaut und einzeln überschritten. Jede:r mit dem was sie oder er mitbringt: Persönliches, Organisationales, Gesellschaftliches. Luftballons waren auch dabei.
Und in diesem Moment waren wir gleichzeitig Teilnehmende und Gestaltende. Das ist eine Erfahrung, die sich anders anfühlt, als beides getrennt voneinander zu sein. Im Durchführen ist mir das fast nicht aufgefallen. Aber heute merke ich, wie viel sich auf einer unbewussten Ebene getan hat – im Miteinander durch gemeinsames Erleben.
Wir sagen unseren Kund:innen oft: „Gestaltet Momente des Umbruchs bewusst. Ritualisiert sie und nehmt euch Zeit für jede Bewegung.“ Ich bin davon überzeugt. Aber es selbst zu erleben, als Teilnehmende und nicht als Begleitende, das landet anders – auf einer Ebene, die Protokolle nicht erreichen.
Aus der Ferne, der professionellen Distanz oder der Metaebene klappt tiefgehendes Lernen und Veränderung nicht. Das wissen wir. Und manchmal müssen wir es selbst spüren, um es wirklich zu verstehen.
Learning
Loslassen ist nicht dasselbe wie die Schwelle übertreten. Und die Schwelle übertreten ist nicht dasselbe wie Ankommen. Wer sich die Zeit nimmt, diese Bewegungen wirklich auseinanderzunehmen – der gibt Veränderung eine Chance sich zu verankern, nicht nur im Kopf, sondern im Miteinander.
Und dann: Die Wildheit. Die auch dazugehört.
Ich möchte hier ehrlich sein. Weil mir das wichtig ist. Diese drei Tage sind nicht durchgehend leicht, lustvoll und verbindend. Es gibt Momente, wo Leute genervt sind, wo es rumpelt und Diskussionen hitziger werden als erwartet, und man im Moment nicht ganz versteht warum.
Wir merken erst später: Wir verhandeln unsere Werte …
Und Werte verhandeln, das tut manchmal weh. Das ist unordentlich. Das fühlt sich nicht immer gut an.
Und dann gibt es noch eine andere Art von Schwierigkeit. Wenn jemand fehlt, wenn Agendapunkte wegfallen, wenn die vorab investierte Zeit sich nicht ganz entfalten kann. Das erzeugt eine besondere Art von Enttäuschung – eine die kein eigenes Wort hat. Eine die den gerade entstandenen Verlust von Miteinander in sich trägt.
Und auch das darf Raum haben. Nicht im Sinne von Schuld, sondern als ehrliche Benennung dessen was ist. Nachdem das raus ist, kann gut weitergearbeitet werden. Die Energie ist wieder voll da.
Auch das hat mich im „Warm Data Lab“ beschäftigt: Diese Wildheit von Beziehung und Miteinander nicht glätten wollen, nicht sofort lösen, sondern beobachten, stehen lassen, darauf vertrauen, dass da, wo Emotionen sind, auch Liebe zu dem ist, was wir tun. Und dass Communing manchmal genau das bedeutet: gemeinsam in der Unordnung zu bleiben, ohne sie wegzumachen, sondern einfach da zu sein.
Learning
Wildheit, Reibung und Enttäuschung sind keine Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Sie sind Zeichen, dass etwas wirklich lebt. Und das aktiv aufzugreifen, das ist vielleicht eine der wichtigsten Führungskompetenzen, die ich kenne.
Und nach außen: Gemeinsam um etwas ringen.
Mehrere Sessions widmen wir der Frage: Was bewegt eigentlich Organisationen, Führungskräfte, Mitarbeitende gerade wirklich?
Wir fragen uns gegenseitig: Ist das wirklich so? Welche Beispiele hast du? Wie erlebst du das, wenn du nicht dieses Modell vor Augen hättest? Wir werfen wild mit Bildern und Erfahrungen herum. Aus Projekten mit Kund:innen, aus dem was wir beobachten, aus dem was uns beschäftigt und manchmal verunsichert. Wissend: Alle Antworten sind konstruiert. Auch unsere.
Und das ist nicht einfach. Weil die Welt draußen oft klare Antworten hinausstellt: So ist es. So funktioniert das. Und Menschen lieben das, weil Vereinfachung Sicherheit gibt. Und wir wissen: Es ist immer nur ein Ausschnitt. Das auszuhalten, mitten im Ringen und in der Diskussion, das ist anstrengend und manchmal auch unangenehm.
Und gleichzeitig ist genau das unser Auftrag: Kund:innen in ihren Prozessen zu begleiten, in Bewegung Richtung Zukunft zu bleiben – auf eine lebendige Art und Weise, die unserer Zukunft dient. „Zukunftsdienlich“, das ist der Begriff, der mich dabei leitet.
Und in den Zwischenräumen – da passiert auch alles
Einzelne Gespräche, ein gemeinsames Mittagessen, kurz in die Stadt gehen, Verbesserungsideen, Telefonate mit Kund:innen, die nicht warten können, Nachrichten von Familien, die auch weiterleben. Gleichzeitig arbeiten unsere Kund:innen weiter, gehen Familienleben weiter, bewegt sich Gesellschaft weiter.
Das ist kein Widerspruch. Das ist Leben.
Und Nora Bateson betont immer wieder: Es steckt so viel mehr in allem. Unsere drei Tage sind kein isolierter Moment. Sie sind verwoben mit allem, was gleichzeitig passiert: innen und außen, persönlich und gesellschaftlich, nah und weit.
Genau wie das „Warm Data Lab“ und genau wie die Schwelle, die wir überschritten haben oder genau wie die Erkenntnis, dass echtes Communing – dieses Wirklich-in-Verbindung-Gehen – nicht an einem einzigen Moment hängt, sondern auch daran, wie ich mich vorher, während dessen und danach zeige, was ich teile, wie ich auftauche.
Und all das umfasst noch nicht mal einen Bruchteil von dem, was in diesen 72 Stunden wirklich passiert ist.
Vielleicht die wichtigste Einladung aus den drei Tagen …
Wann haben Sie zuletzt – als Team – wirklich innegehalten? Nicht um effizienter zu werden, sondern um einander zu begegnen, um bewusst eine Schwelle zu übertreten? Um die Wildheit des Miteinanders auch mal stehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass da wo es lebt, auch etwas entsteht?
Und vielleicht noch eine Frage, die mich persönlich gerade beschäftigt: „Wie präsent sind Sie wirklich? Nicht ob ihr da seid, sondern wie ihr da seid?“
„There will be no community without first communing.“
Wie lebt ihr das?
*Das “Warm Data Lab“ ist ein Format, das von Nora Bateson und dem International Bateson Institute entwickelt wurde. Es schafft Räume, um die komplexen Verbindungen zwischen Menschen, Systemen und Kontexten gemeinsam zu erforschen – jenseits von linearem Denken und schnellen Antworten.
Wie Sie sich das vorstellen müssen? Ein paar Eindrücke …
Über die Autorin
Barbara Buzanich-Pöltl ist Beraterin und Equity Partnerin bei Neuwaldegg. Sie ist Programmleiterin von Moving Leadership, Agiler Freiraum und Gender Equality Lab sowie Co-Programmleiterin des Change Campus. Außerdem ist sie Keynote-Speakerin. Neben ihrem Herzensthema Gender Equality bewegen sie vor allem die Themen Agile Organisation und Agile Transformation. Dazu hat sie auch mit Frank Boos das Buch „Moving Organizations“ geschrieben.
Moving Leadership Programm
Moving Leadership ist das Neuwaldegger Programm für systemisch-agile Führung in Zeiten des Wandels. Resilienz wird gestärkt! Die Weiterbildung ist state-of-the-art und richtet sich explizit an Führungskräfte, Geschäftsführer:innen und Manager:innen. Unsere Ziele: Führungskompetenz erweitern. Neue Methoden und Ansätze kennenlernen und ausprobieren. Teamdynamiken und Psychological Safety steuern. Eigene, Team- und organisationale Resilienz erhöhen. An eigenen Entwicklungspotenzialen arbeiten.
4 Module (insgesamt 10 Tage live, dazwischen persönliches Coaching und digitales Follow-up). Live arbeiten wir in unseren neuen Veranstaltungsräumen im Neuwaldegger Office in 1090 Wien.
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