Spiritualität - ein prozesshafter Definitionsversuch einer Unbeschreiblichkeit


Es gibt zwei Irrtümer über Spiritualität.
1. Der erste Irrtum ist, dass man nicht spirituell sein kann.
2. Der zweite Irrtum ist, dass man nicht nicht spirituell sein kann.
Mathias Varga von Kibéd

Der Geist dieser Aussage scheint mir recht gut zu beschreiben was in unserer Diskussion vom ersten Sissy-Treffen über spirituelle Zugänge deutlich wurde. Allen war auf eine gewisse Art und Weise unwohl ihr Erleben und Sehnen mit einem Etikett zu versehen und in eine Definitions-Schublade zu stecken.
In der Diskussion haben wir uns immer weiter weg bewegt von sprachlichen Etiketten wie "spirituell sein" oder " nicht spirituell sein" (einer Person, Organisation, ...).

Einerseits löste das Unvermögen den Begriff zu fassen eine gewisse Sprach- und auch Hilflosigkeit aus, auf der anderen Seite waren wir wohl alle einig, dass uns nicht an einer dogmatischen Definition, und damit Ausgrenzung von allem was nach dieser Definition "nicht spirituell" ist, gelegen ist.

Schließlich sind wir in der kollektiven Bedeutungsgebung des Begriffes bei der Einsicht angelangt, dass es letztlich maßgeblich eben darum geht: Bedeutungsgebung!

Spiritualität ist der aktive Prozess der individuellen (psychisches System, Person) und kollektiven (soziales System, Organisation) Bedeutungsgebung vor dem Hintergrund der Grundannahmen, dass

  1. Geist existiert,
  2. Geist vom Menschen wahrnehmbar ist und
  3. es Schulungswege zur Wahrnehmung und Verschmelzung mit der transzendenten Dimension gibt.

Bedeutungsgebung ist hier verstanden als ein aktiver Prozess, also ein Tun, das sich beobachten lässt und dessen Wirkungen auf die Systeme (psychisch, sozial) die sich entsprechende Bedeutung geben, aus einer Beobachtungsperspektive zweiter Ordnung beschreiben lässt.

Diese Definition führt aus dem Dilemma etwas als der einen oder anderen Kategorie ("spirituell" oder "nicht spirituell") zuordnen zu müssen und damit selbst in die Falle der Trennung zu tappen und damit Gefahr zu laufen sich in der eigenen Definition zu fangen und nicht offen zu bleiben für andere Perspektiven und damit letztlich Entwicklung und Wachstum.

Diese Definition führt somit in die Öffnung hat aber gleichsam drei Grundvoraussetzungen, damit Sie individuell und kollektiv gelingen kann:

  • Präsenz
  • Dialog
  • Inspiration

1. Präsenz

Wenn wir Spiritualität als aktiven Prozess der Bedeutungsgebung mit beobachtbaren Wirkungen auf psychische Systeme verstehen (zu sozialen Systemen später mehr), die sich aus einer Beobachtungsperspektive zweiter Ordnung beschreiben lassen, wird Präsenz als Grundvoraussetzung bedeutsam. Das wirft nämlich die einfache und weitreichende Frage auf: Wie kann ich mich als psychisches System aus einer Beobachtungsperspektive zweiter Ordnung wahrnehmen?

Die Antwort ist einfach, so alt wie unser Bewusstsein selbst und ein Lebensweg zugleich: Kontemplation. Kontemplation soll hier nicht nur verstanden sein als die mystische Schule christlicher Religion, sondern das Gemeinsame aller kontemplativen Wege (Zen, Vipassana, Kontemplation, Adveita, Sufismus, Achtsamkeitspraxis, etc.).

Auf dem Netzwerktreffen ist in der Einstiegsrunde sehr spürbar geworden, wie wichtig jeder, jedem Einzelnen dieser persönliche Zugang über die Erfahrung ist. Ein "bei sich sein", welchen Namen es auch immer trägt, das uns in Kontakt bringt mit unserem Körper und unserem Atem. Eine liebevolle Achtsamkeit gegenüber unseren Gefühlen, Gedanken und (Vor-)Urteilen, die einen offenen Umgang mit eigenen und anderen mentalen Modellen und Glaubenssätzen ermöglicht.

Diese Gemeinsamkeit im Sissy-Netzwerk ist im Übrigen ein Eckpfeiler dieser Forschungsgemeinschaft, die einen wichtigen Unterschied in der Forschung, Wissenschaft und Innovation macht (vgl. hierzu auch Claus Eurich "Liebeskraft als Erkenntniskraft", zum Download unter "Literatur & Downloads").

Warum ist Präsenz für Erkennen so wichtig und auf welchen Ebenen kann ich Präsenz erleben?

Unser personales ICH als große Errungenschaft der Evolution hat die Fähigkeit erworben an ganz unterschiedlichen Stellen zu sein. Ein Teil von uns ist z.B. im Büro während ein anderer Teil von uns mit der Familie oder der neuen Freundin, dem neuen Freund am Strand von Hawaii weilt. Das Problem ist dann nur: Ich bin weder ganz bei der Arbeit, noch in Hawaii. Manchmal sind wir Gefangene in dieser Zwischenwelt. Zwischen Bedauern oder Stolz mit Blick auf das Vergangene und Hoffen oder Angst mit Blick auf die Zukunft. Aus dieser Kompetenz der personalen Bewusstseinsstruktur heraus ist auch die Fähigkeit der Bedeutungsgebung erwachsen.

Psychische Systeme, wir Menschen, geben permanent Bedeutung. Unser Bewusstsein ist so in uns angelegt, dass es vereinfacht gesagt wie eine Sinngebungsmaschine funktioniert. Wir geben Bedeutung dem, was uns auf der manifesten, körperlichen Ebene widerfährt (Freude, Krankheit, Leid, biografische Einschnitte, usw...), wir geben unseren Emotionen Bedeutung und bringen sie in Zusammenhang mit unseren Handlungen und deren Auswirkungen.

Das Dilemma ist nur, dass wir in der Bedeutungsgebung natürlich unseren mentalen Lieblingsmodellen aufsitzen (oft erleben wir sie als unsere "Lieblingsfilme" im Leben: ich als erfolgreiche/r HeldIn....ich das hässliche Entlein...ich als usw.), die uns vom Leben trennen. Wir begegnen dann unseren Vorurteilen und nicht dem Sein.

Wie können wir also eine Bedeutungsgebung vornehmen, die prozesshaft immer freier wird von Täuschungen und Irrtümern (individuellen und kollektiven) und die uns in Kontakt bringt mit dem was jetzt ist: dem Leben und der geistlichen Dimension die unser Leben durchwirkt?


2. Dialog

Es gibt ein einfaches Grundprinzip der Evolution: Was sich nicht zum Nächstgrößeren hin öffnet, stirbt. Das gilt für biologische wie für soziale Systeme. Systeme, die nicht im Austausch stehen mit Ihrer Umwelt, kapseln sich ab, geraten in die Isolation, verhärten und sterben schließlich, ohne Kopplung an ihre Umwelt ab.

Daher ist es wichtig, ein tieferes Verständnis zu erlangen von dem, was unsere Umwelt ist. Die systemische Theorie hat hier sehr hilfreiche Grundlagen geschaffen, um zu einem klareren Verständnis von Umwelten und dem System selbst zu kommen.

Bei genauerer Betrachtung findet man heraus, dass das System selbst keine Wesenheit an sich besitzt. Es konstituiert sich aus Entscheidung und Kommunikation. Es ist somit leer an sich. Es entsteht aus der Interaktion mit dem, was es als relevante Umwelten definiert. Eine pragmatische Definition von "relevante Umwelten" lautet: Relevant ist eine Umwelt dann, wenn wir sie nicht ungestraft wegdenken können.

Der Gedanke, dass sich soziale und psychische Systeme über die Umwelten her definieren, ist fest in der systemischen Theorie gegründet. Auf dieses Fundament will ich mich beziehen. In der spirituellen Tradition hat Thich Nhat Hanh, vietnamesischer Mönch, Zen-Meister und Friedensaktivist, den Begriff des Interbeing geprägt. Interbeing beschreibt identisches Phänomen: Auch für biologische Systeme und psychische Systeme gilt, dass wir uns über das konstituieren, mit dem wir im Austausch sind. Unserem Wesen nach sind wir leer. Alles steht in Wechselwirkung miteinander im Prozess von Entstehen und Vergehen.

Die zentralen Fragen die sich also stellen sind:

  • Was sind "relevante Umwelten" für psychologische und soziale Systeme? Umwelten also, die wir nicht ungestraft wegdenken können?
  • Wie kommen wir in Kontakt mit diesen "Umwelten" und gestalten Dialog (mit uns und mit anderen) der öffnend wirkt?

Dialog ist so zentral, da Identität, sowohl die eines Unternehmens als auch einer Person stets im Dialog mit Umwelt (auf Ebene der Person z.B. verschiedener Persönlichkeitsanteile), also im Kontext, entsteht. Auf unserem Netzwerktreffen ist sehr spürbar geworden, wie wenig vermittelbar die Präsenz- oder Flow-Erfahrung in Worten ist. Gleichzeitig sind wir als Menschen an Worte gebunden. Die Bewusstseinsforschung hat heute belegt, was mystische Traditionen von jeher wissen: Spirituelle Erfahrung findet im vorsprachlichen Bewusstseinsraum statt. Alle mystischen Traditionen geben uns hilfreiche Mittel und Wege, um uns in diesen Raum zu führen. Gleichwohl bedienen sie sich (sprachlichen) Metaphern und Symbolen, um in diesen Raum einzuladen.

Wie intim dieser Bereich ist, hat eine Teilnehmerin des Netzwerktreffens so erfrischend auf den Punkt gebracht, nachdem wir unsere Symbole zu unseren spirituellen Zugängen / Sehnsüchten / Erfahrungen geteilt hatten. Sie sagte: "Ein bisschen fühlt es sich an wie nach einem One-night stand ... . Es war sehr intensiv und intim, und nun ist die Frage, wie es weiter geht." Wir alle haben bei dem Netzwerktreffen gerungen - mit mehr oder weniger Worten, mehr oder weniger gegenständlich - um dieses Faszinosum der Entgrenzung, der Öffnung zum Anderen hin zu beschreiben.

Als Person (lat., personare: durchscheinen) haben wir einen Sinn für diese Tatsache. Unsere Sehnsucht und Leidenschaft, die zitternd auf dieses Geheimnis deutet.

Sozialen Systemen fehlt dieses Wahrnehmungsorgan. Zwar wollen sie leben (Autopoiese), neigen aber dazu, verschiedene relevante Umwelten aus dem Blick zu verlieren. (Als systemische Berater leben wir teilweise von dieser Tendenz.) Bei Kunden, Märkten, Wettbewerbern, Kapital- Bewerbermärkten, usw. ist man sich zunehmend einig, dass es geeignete Prozesse braucht, um Impulse von außen (für) wahr zu nehmen. Eher Uneinigkeit besteht bei anderen Umwelten wie: Gesellschaft, Natur, Kultur, Kunst ... .

Da soziale Systeme diese Fähigkeit nicht besitzen, sondern nur Menschen als Wahrnehmungsträger in sozialen Systemen, muss der Mensch - und damit verbunden auch die Entwicklung seiner Wahrnehmungsfähigkeit - wieder stärker ins Zentrum der Systemtheorie (Spencer-Brown: "Das das Re-entry des Menschen in die Systemtheorie"). Die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit für die geschilderten Zusammenhänge gerät so zunehmend in den Mittelpunkt auch für die Diskussion um die Frage von Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility.

Der Mensch ist es, der ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge entwickeln muss. Diese Aufgabe beschränkt sich nicht auf das Top-Management oder andere Eliten. Diese Veränderung des kollektiven Bewusstseins wird gespeist von allen Arbeitnehmerinnen und es ist belanglos, wo sie beginnt. Die Bewusstseinsschulung für diese Zusammenhänge ist vornehmlichste Aufgabe als Arbeitnehmer, egal, in welchem Kontext, auf welcher Hierarchiestufe mit welcher Funktion wir betraut sind. Das schulden wir uns und der Unternehmung, schließlich geht es ums (Über)-Leben.


3. Inspiration

All diese Gedanken sind unserer Logik und Vernunft vollkommen zugängig und nachvollziehbar. Warum fällt es uns dann so schwer entsprechend zu handeln? Warum gleiten wir in der Debatte über Nachhaltigkeit so oft und schnell in eine treffsichere Diagnostik der Unzulänglichkeit unserer Systeme (gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell, religiös, etc. ...), die in eine resignative Sprachlosigkeit oder in Zynismus mündet, der uns letztlich schützen soll vor unseren Ohnmachtsgefühlen. Die Resignation hinterlässt uns in dem Bewusstsein, dass wir als einzelne Menschen für "das Ganze" nicht wirklich etwas tun können.

Inspiration ist die Medizin, die uns aus dieser Falle der Bequemlichkeit holt. Es gibt nur ein kleines Hindernis, das uns von der Inspiration trennt: "Nemo dat quod non habet" - Du kannst nicht geben was Du nicht hast. Ohne Inspiration bleibt unser Tun herzlos. Es bleibt an der mechanischen Oberfläche des Gelderwerbs.

Vom Wortstamm kommt Inspiration von der Atmung her (lat. "spirare" - atmen; "inspirare" - entflammen, einhauchen"). "Nemo dat quod non habet". Wer jemals versucht hat, auszuatmen, nachdem die Lungenschön geleert waren, spürt die tiefe Weisheit dieses benediktinischen Sinnspruches. Wir müssen uns zunächst anfüllen mit der Gewissheit, dass der Einsatz sich lohnt. Wir müssen uns anfüllen mit der Erfahrung des Verbunden-Seins, des Interbeings, zu der uns auch unser Atem führen kann. Wir müssen Erfahrungen machen, die uns über die Begrenzung einer eher konventionellen Sicht unserer "relevanten Umwelten" und dessen, was wir sind, hinein in die Erfahrung unserer wahren Natur führt.

Ohne der Gewissheit eigener Erfahrung bleiben wir im Raum des (Aber)-Glaubens. Letztlich ist es die Gewissheit einer Transzendenz-Erfahrung, die die Grenzen des bestehenden Ichs weitet.

Die moderne Psychologie ist sich heute relativ einig, dass es transpersonale Bewusstseinsräume gibt. Wir brauchen keine definitorische Abgrenzung und keine Erleuchtungs-Messlatte als spirituellen Leistungsdruck, um uns auf den Weg zu machen.

Es ist die Sehnsucht selbst, die als Kompass zitternd auf das Geheimnis des Lebens und des Eingebundensein weist. Die inspirierte Sehnsucht, die sich selbst nur in diesem transzendenten Raum zu stillen weiß, ist es, die uns die Kraft gibt, immer wieder Verantwortung für das Ganze zu tragen.

Achtsamkeit führt uns in diesen Raum und sie stellt uns immer wieder die Frage: "Hat Dein Weg ein Herz?" Dieser Frage müssen wir uns stellen - als Reinigungskraft, Vorstand, Bandarbeiter, Organisationsentwicklerin, Müllmann, Hausfrau, Tischler, Politikerin, als Mensch.

In diesem Geist der Achtsamkeit verstehe ich Spiritualität als einen lebenslangen Prozess authentischer Suche, der uns zu mehr Präsenz, Dialog und Inspiration- kurz: zu mehr Leben - führt.

Dies ist meine sehr persönliche Resonanz auf unsere Diskussion und unseren Definitionsversuch von Spiritualität auf unserem Netzwerktreffen. Euch verbunden: Torsten

Dipl. Ing. oec. Torsten Jung

Senior Partner

Werdegang und Schwerpunkte

+43 1 368 80 70-0

torsten.jung@neuwaldegg.at

Publikationen